Einsamkeit gehört zum Menschsein

Man bat sie einen Beitrag zur Reihe „Cinema, of Our Time“ zu leisten und nicht ohne einen gewissen Humor schlug Chantal Akerman vor, ob sie nicht einen Film mit sich selbst als Thema produzieren könnte.

Es sollten einfach geschickt zusammengeschnittene Ausschnitte aus ihrem Gesamtwerk sein, doch die Produzenten forderten zumindest einige eigene Auftritte und Kommentare.

Also steht die Kamera in Akermans Wohnung und nimmt auf, wie die Regisseurin einen Text über die Probleme vorliest, die sie bei den Dreharbeiten zu eben diesem Film hatte. Heraus kam schließlich eine sehr witzige Einführung in das Gesamtwerk Akermans, betitelt mit ‚Chantal Akerman von Chantal Akerman‘.

Akermans jüngstes Werk ist eine Adaption des Romans ‚La prisonnière‘ von Marcel Proust. Sie verlegt die Handlung in die Gegenwart und beschreibt die Beziehung von Ariane und Simon, die zusammen in einer großen Pariser Wohnung leben.

Simone überwacht Ariane rund um die Uhr, spioniert ihr nach, belauscht, verhört sie. Die Frau findet zwar Wege, die Kontrollen zu umgehen und geht mit anderen Frauen Affären ein, doch Simone verlangt immer mehr Opfer von ihr. Sie soll sich ihm ganz hingeben.

Die Legende erzählt, dass die 1950 in Brüssel geborene Regisseurin Chantal Akerman ihre Passion für den Film entdeckte, als sie mit 15 Godards ‚Pierrot Le Fou‘ sah. Sie besuchte anschließend die Filmhochschule und verließ sie zwei Jahre später wieder.

Sie wollte Filme drehen und nicht in einem Klassenzimmer herumsitzen. Mit 18 drehte sie ihren ersten Kurzfilm, ‚Saute ma ville‘, 1968. 13 Minuten dauert er. Sie hatte weder Geld noch die Unterstützung irgendeiner Einrichtung. Sie lieh sich eine Kamera, bat einen Bekannten um Hilfe und drehte den Film innerhalb einer Nacht.

Zu sehen ist ein 18-jähriges Mädchen, das pfeifend in eine Küche geht und dort ganz gewöhnliche Sachen macht – Schuhe putzt, kocht und isst. Anschließend bringt sie sich um. „Wut und Tod,“ so Akerman über diesen Film. „Es ist das Gegenteil von Jeanne Dielman“.

‚Jeanne Dielman, 23 quai du commerce, 1080 Bruxelles‘ ist Akermans endgültiger Durchbruch als Regisseurin. Doch es ist mehr als nur ein kommerzieller Erfolg: „Das erste feministische Meisterwerk in der Geschichte des Kinos“, schrieb 1976 Le Monde.

Der Film zeigt drei Tage im Leben von Jeanne Dielman. Die 40-Jährige lebt mit ihrem Sohn in einer kleinen Brüsseler Wohnung und führt dort kontrolliert und streng ihren Haushalt. Geredet wird nicht viel.

Abends arbeitet sie als Prostituierte – doch auch hier befolgt sie ihre strengen Regeln. Am dritten Tag führen kleine Störungen dieses Alltags zur Katastrophe. Jeanne begeht einen Mord.

„Das Thema Einsamkeit gehört zum Menschsein. Man wird allein geboren und stirbt allein. Auch wenn man zeitweise mit anderen zusammen ist, ändert das nichts am Prinzip der Einsamkeit,“ sagt Akerman in einem Interview mit dem Filmdienst.

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