Musikalisches Quälen

Kommt die Sprache auf die Kunst eines Steve McQueens, fällt auch schon mal der Begriff „Langeweile“. Als McQueen vor etwa drei Jahren den renommierten britischen Turner-Prize gewann, rätselten die Kritiker über die Gründe der Juroren, den jungen Videokünstler der Favoritin, Tracy Emin, vorzuziehen.

Die hatte einen schier nicht mehr enden wollenden Presserummel vor der Preisverleihung verursacht. In der Ausstellung war ihr „ungemachtes Bett“ ein Publikumsmagnet. Doch der Preis ging an McQueen, das genaue Gegenteil der extrovertierten Emin. McQueen feiert die Ruhe und die Langsamkeit.

Es war auf der letzten documenta x, auf der sich McQueen erstmals einer breiteren Öffentlichkeit präsentierte. Er setzte eine Idee um, die er bereits während seines einjährigem Studiums an der New Yorker Filmakademie hatte. Seine Schwester steht ihm gegenüber. Er wirft ihr die Kamera in die Hände. Man sieht Gras, den Himmel, ein Gesicht und den Moment des Auffangens – ‚catch‘ heißt das Video.

In New York wollte man von derartigen Ideen nichts wissen: „Dort wurden eher traditionelle, narrative Hollywoodfilme gemacht. Experimente wurden nicht so gefördert. Alle Streifen, die dort rauskommen, sehen irgendwie ähnlich aus,“ sagt McQueen. Nach einem Jahr verließ er die Akademie.

In New York drehte er allerdings noch ein „Musical“, wie er sein Projekt „Drumroll“ bezeichnet. Er befestigte an einem Ölfass drei Videokameras, zwei mit horizontalem Blickwinkel, eine vertikal, und rollte das Ganze dann durch Manhatten. 22 Minuten lang treibt er das Fass durch die Straßen.

In den Museen sind alle drei Aufnahmen nebeneinander an die Wand projiziert. Länger als ein paar Sekunden kann der Besucher den Wackelbildern allerdings kaum folgen. Dennoch war es gerade dieses Experiment, das ihm den Turner-Preis einbrachte.

Das nächste Projekt bezog sich auf eine bekannte Filmszene: Eine der berühmtesten Slapstick-Szenen von Buster Keaton zeigt einen Mann, der vor einem Haus steht. Die Hausfront stürzt ihm plötzlich entgegen. Doch der Mann steht so glücklich, dass ihn die Wand dank eines offenen Fenster nicht trifft.

McQueen selbst steht in seinem Video vor diesem Haus. Die Front fällt immer wieder nieder, lediglich die Kameraperspektive wechselt. Der Künstler bleibt von all dem unbeeindruckt. Es herrscht wie in vielen seiner Arbeiten fast stoische Ruhe.

Der Gegensatz zwischen äußerer Gewalt und Lärm auf der einen, Stille und Langsamkeit auf der anderen Seite wird in „Bears“ am deutlichsten. McQueen kämpft nackt gegen einene anderen Mann. Die Szenen sind in Zeitlupe und ohne Ton zu sehen. Die Protagonisten belauern sich, doch ob sie wirklich zuschlagen bleibt offen.

McQueens stärkste Arbeit ist „Girls Tricky“. Darin filmte er den Musiker Tricky, neben Portishead und Massive Attack ein Mitbegründer des Trip Hop, bei den Aufnahmen zu einem Song. Die Perspektive wechselt kaum. Es ist immer nur Trickys Rücken oder sein Gesicht zu sehen. 15 Minuten lang scheint sich der Sänger durch sein Lied zu quälen.

Das existenzielle Leiden, das in seinen Texten wie auch in seinen hektischen Gesten zum Ausdruck kommt, steht in deutlichem Widerspruch zu den fast trotzig ruhigen Kameraeinstellungen. Das Video sollte auf MTV laufen und würde genau dort wohl am besten seinen Zweck erfüllen – als eine krasse Absage an die Musikvideo-Ästhetik.