Reisender ohne Pass

Der Großvater reiste für mehrere Jahre nach Kuba – ohne Näheres von seinem Leben dort seiner Familie zu erzählen. Kuba war geheimnisvoll, mystisch, magisch. Um Großvater gab es viele Geschichten und Legenden. Er wollte berühmt werden, und da er es selbst nicht richtig schaffte, mussten eben die Kinder dafür herhalten. Der eine Sohn sollte in die Kirche, freilich nicht nur um Priester, sondern um eines Tages Papst zu werden. Der andere Sohn musste Klavier spielen.

Letzterer reiste nach Paris, um Berufsmusiker zu werden. Aber er litt schon mit 25 an Arthritis. Er musste mit der Musik aufhören. Statt ins Klavier haute er fortan in eine Schreibmaschine. Er kehrte wieder nach Spanien zurück, wurde Journalist, und das in einer Zeit, als die Faschisten um Franco an der Macht waren. Er wagte es, kritisch zu schreiben. Dafür wurde er jetzt tatsächlich berühmt – doch er musste fliehen, wiederum nach Paris. Dort schrieb er weiter gegen die Faschisten an, traf sich mit anderen Flüchtlingen und mit Exilanten aus Lateinamerika. Politische, aber auch hin und wieder gemütliche Treffen bei Mate-Tee und Platten mit spanischer und lateinamerikanischer Musik.

Dann wurde er selbst Vater. 1961 kam Manu Chao in Paris auf die Welt. Es sollten diese Platten lateinamerikanischer und spanischer Musiker sein, die den kleinen Jungen faszinierten und beeinflussten. Dennoch begann Manu als Teenager in einer Rock’n’Roll-Band, den Hot Pants.

Seine Freunde in Spanien hörten jedoch lieber Flamenco. Es war die wirkliche Musik der Straße. Rock war Musik der Mittelschicht. Wer Rock’n’Roll spielte, konnte sich eine elektrische Gitarre leisten. Manu begann, mit seiner Band nun spanischen Stücke nachzuspielen.

Patchanga nennt man eine Musik, die man in Spanien auf Fiestas spielt – leichte Unterhaltung. Patchanka nannte Manu Chao seine eigenen Versionen dieser Volkslieder, mit einem K, „um den etwas heftigeren Charakter zu betonen“, wie er später sagt. In Spanien lehnte man die chaotische Mixtur aus Rock und Volksmusik ab. „Zu jener Zeit war das einfach nicht akzeptiert, Rock zu mischen mit dieser . . . Zigeunermusik.“

Manu Chao gründete mit seinem Bruder Antoine 1988 eine neue Band, Mano Negra, eine innovative, energetische französische Combo. Vier Alben mit einer eigenartigen Mischung aus Punk, afro-karibischen, lateinamerikanischen und mediterranen Rhythmen, brachte Mano Negra in den folgenden Jahren heraus.

1994 beendete die Gruppe ihre Zusammenarbeit. Manu Chao reiste von Paris nach Barcelona, von dort nach Afrika und nach Südamerika. Überall war er auf der Suche nach musikalischen Traditionen, nach Kulturen und nach dem einfachen Leben auf der Straße. All dies wollte er in seiner Musik unterbringen. All dies brachte er dann tatsächlich unter.

In Lateinamerika arbeitete er zunächst mit regional bekannten Musikern, wie Skank in Brasilien, Todos Tus Muertos in Argentinien and Tijuanano in Mexiko zusammen. In Spanien spielte er mit Negu Goriak and Amparanoïa. Er entwickelte aber auch das „Circo Da Madrugada“ Projekt mit Pierrot Bidon von Archaos. Es ist eine Art Zirkus von Kindern aus brasilianischen Slums.

1998 kam es dann endlich heraus: „Clandestino“, zu deutsch: Flüchtling, Reisender ohne Pass. Das erste Soloalbum. Leise, melancholisch, fröhlich, lateinamerikanisch, französisch, spanisch, rockig, folkig – so vielseitig kommt dieses kleine Meisterwerk daher. Wunderschöne Melodien in nahezu babylonischem Sprachgewirr – 16 Stücke, ein englischer, ein brasilianischer, zwei französische und zwölf spanische Songs.

Die Botschaft: Multikultur. „In der Geschichte der Menschheit brachte Immigration immer etwas positives hervor,“ sagt er in einem Interview mit der Tageszeitung (TAZ). „Die Menschheit entwickelt sich dadurch weiter, wird besser. Ich betrachte Migration wie einen Fluss. Stoppt man das Wasser, fängt es zu stinken an. Das tut niemandem gut.“

Er sagt aber auch: „Es kann gefährlich sein, Politik und Musik zu sehr zu vermischen, wenn man berühmt ist – zu oft dient Rebellion nur dem Geschäft. Den eigenen Überzeugungen Ausdruck zu verleihen und pure Demagogie – dazwischen liegt eine dünne Linie. Es ist zu einfach, bei einer Show, die nicht so rund läuft, einmal „Viva Chiapas“ zu rufen, um das Publikum aufzuwecken. Dann bist du ein Star und hast dich als großer Revolutionär bewiesen. Persönlich bemühe ich mich nun, das ein bisschen stärker zu trennen.“ (TAZ)

Vor einigen Wochen erschien Chaos zweites Album in Deutschland: Einer der 17 neuen Titel ist auf Französisch, einer auf Portugiesisch, einer auf Arabisch, zwei auf Englisch, neun auf Spanisch und einer auf Portuñol, einer Mischsprache aus Spanisch und Portugiesisch, wie sie von den Menschen, die in den Grenzgebieten leben, gesprochen wird. Genau seine Welt, wie er der taz verriet.

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