Virtuelle Türkenbeute

Die Frage stellt sich schon seit längerem. Wie geht ein Museum mit dem neuen Medium Internet um? Es gibt zwar immer mehr Künstler, die das Internet in ihren Werken integrieren oder sich nur noch mit Webkunst beschäftigen. Was aber geschieht mit herkömmlichen Kulturgütern? Wie kann ein Museum seinen eigenen, nicht-virtuellen Bestand im Web präsentieren?

Eine Webseite dient den meisten Unternehmen als Visitenkarte, als Möglichkeit, den potentiellen Kunden einen ersten Einblick in ihre Arbeit oder ihre Produkte zu erlauben. Ähnlich sehen es viele Museen. Ihre Homepages informieren über ihren Bestand mit einer kleinen Auswahl der Gemälde oder sonstigen Objekte in Form von digitalen Reproduktionen. Kleinere Texte informieren über aktuelle Ausstellungen. Dazu gibt es eine Vorschau – ein paar weitere ausgewählte Fotos.

Das Badische Landesmuseum hatte sich vorgenommen, einen anderen Weg einzuschlagen. Das Internet sollte nicht mehr Werbung für die Ausstellung sein. Die Webseite soll selbst zur Ausstellung werden. Es war ein ehrgeiziges Vorhaben.

Das Museum beherbergt die „Türkenbeute“, insgesamt 300 Exponate, darunter Rüst- und Reitzeug, Kunsthandwerk und Alltagsgegenstände. Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden hatte aus den Türkenkriegen 1683-1691 diese Schätze mitgebracht. Sie geben einen guten Einblick in die reiche Kultur des Osmanischen Reiches.

Diese Beute wollte das Museum ins Netz stellen. Den Karlsruhern kam entgegen, dass sich in der Stadt auch das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) befindet.

Bei einer derartigen Zusammenarbeit konnte einiges erwartet werden. Seit Anfang 2002 arbeiteten 20 Mitarbeiter mit einem Etat von 750.000 Euro an der Umsetzung dieses Projektes. Sie machten 6.000 Bilder von 150 Exponaten. Die Bilder füllen etwa 2.500 Seiten im Web. Das ist eine Datenmenge von über zwei Gigabyte.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die Seite wird als ein virtueller Ausflug ins osmanische Reich präsentiert. Die Themenreisen heißen „Orient und Okzident im Zeitalter der Türkenkriege“, „Kunst und Kunsthandwerk bei den Osmanen“ oder „Reise zum Goldenen Apfel“, womit Instanbul gemeint ist.

Es darf auch viel geklickt werden: Die Highlights der Sammlung zoomt man heran, dreht sie vertikal und horizontal herum oder man dreht sich gleich selbst als virtuellen Besucher um die eigene Achse. Wo eigene Exponate fehlen, helfen Illustrationen, sich in die Osmanische Kultur besser einzudenken. Trotz der Fülle an Informationen ist es eine Geschichtsstunde, die Spaß macht.

Einen Besuch im Museum und ein Betrachten der einzelnen Objekte kann ein virtuelles Museum natürlich nicht ersetzen. Fotografien bleiben auch dann Fotografien, wenn sie scheinbar dreidimensional wirken. Aber das kann auch nicht das Ziel eines derartigen Projektes sein und war es in diesem Fall auch nicht. Das Ziel war eher, eine Ergänzung zu dem Ausstellungsangebot anzubieten, eine unterhaltsame Einführung. Das Badische Landesmuseum hat für diese Art von virtuellem Auftritt die Meßlatte mit der „Türkenbeute“ sehr hoch gelegt.

Photo by Şinasi Müldür from Pexels