Ein großer Schwindel, dieser biologische Mist

„Zurück zur Natur“ betitelte die 1967 in Göteborg geborene Annika von Hausswolff eine Reihe von Fotografien, mit denen sie Anfang der 90er erstmals in der Kunstszene auf sich aufmerksam machte. Die Bilder zeigen idyllische Orte, wie sie die schwedischen Maler Bruno Liljefors und Anders Zorn zu Beginn dieses Jahrhunderts darstellten. Liljefors malte vornehmlich Jagdszenen, Zorn typische nordische Landschaften mit blonden, badenden Frauen, die er als Symbole für Kraft und Gesundheit benutzte. Die idyllischen Landschaften bleiben bei Hausswolff erhalten. Die Frauen jedoch liegen leblos am Boden, mißbraucht, reduziert auf ihren Körper; Objekte ohne Gesicht, ohne Intellekt.

Zorns und Liljefors romantische Phantasien enlarvt Hausswolff als Chauvinismus. Liljefors Jagdszenen werden mit Zorns nackten Badenden vereint: Frauen, nackt, wehrlos, dem Stärkeren, dem Mann ausgeliefert. Ähnlich wie die Tiere werden die Frauen gejagt, „erobert“, mißbraucht, ermordet und weggeworfen.

Für die Fotoserie ‚Eine Studie in Politik‘ besorgt sich Annika von Hausswolff Fotografien aus den Archiven der Stockholmer Polizei. Sie zeigen Frauen mit Beulen und Wunden an Arm und Hals. Hausswolff zerschneidet die Bilder in ein ovale Form, die an Familienfotos auf Wohnzimmerschränken erinnert. Die brutale Realität wird dokumentiert und in eine idyllische Fassade gepackt und diese somit zerstört.

‚Eine Landschaftsstudie‘ zeigt einen jungen Mann von Hinten mit rasiertem Nacken. Er steht vor einer sonnigen Birkenlandschaft. Auch hier gibt es wieder einen kunsthistorischen Bezug: der einsame, in der Natur sinnierende Mann findet aus der deutschen Romantik.

In Ausstellungen hängen mehrere Kopien dieses Bildes in einer Reihe: Eine Gruppe von gesichtslosen, gleichaussehenden Männern, die in die selbe Richtung starren. Es sind Rechtsextremen, die sich gleichen und jegliche Individualität aufgegeben haben.

Hausswolffs spätere Fotografien entfernen sich von diesen eindeutigen Assoziationen. Die Bilder sind experimenteller und orientieren sich an surrealistischer Malerei. Träume und Kindheit spielen eine größere Rolle. Doch nach wie vor zeigen ihre Fotografien selten Gesichter. In ‚Die blinde Frau‘ spielt sie mit diesem Motiv: Wir können das Gesicht der Frau sehen, doch sie ist blind. Deshalb ist es unmöglich, ihrem Blick wirklich zu begegnen.

Annika von Hausswolff, zu einer schwedischen Journalistin sagten Sie, „einige finden, dass ‚Eine Studie in Politik‘ nicht richtig komplex sei“. Hat sich diese Meinung bei den neueren Werken geändert?

Ich weiß nicht, ob sich etwas geändert hat, aber diese spezielle Bemerkung habe ich seither nicht mehr gehört. Was die Komplexität betrifft, denke ich, hängen meine Bilder sehr vom Betrachter ab. In meiner Arbeit ist nicht viel gegeben, aber man muss sich sehr damit auseinandersetzen, wenn man die Bilder betrachtet. Zumindest vermute ich das.

Sie sagten im selben Interview, Magritte wäre ein Einfluss. Gab es eine surrealistische Tendenz bereits in den früheren Bildern, nur dass die Themen von Zurück zur Natur und Eine Studie in Politik mehr Eindeutigkeit verlangten ?

Ich weiß es nicht. Ich hatte schon immer ein gewisses Faible für Surrealismus. Hauptsächlich, weil dies in meiner Jugend meine erster Kontakt mit der Kunst war. Ich komme aus einer nicht-intellektuellen Familie, wo weder Literatur noch Kunst einen Platz hatten. Da die surrealistische Bewegung so popularisiert wurde, schaffte es sie sogar, mich zu erreichen. Ich habe eine klare Erinnerung daran, auf Magritte Reproduktionen zu starren und diese aufregende Faszination zu spüren, die nur sehr gute Bilder erzeugen. Und ich behielt diese Faszination der Magritte-Welt über die Jahre und bin heute sogar noch mehr davon überzeugt, dass er einer der wichtigsten Künstler dieses Jahrhunderts ist. Außerdem bin ich mir nicht so sicher, ob man meine Bilder surrealistisch nennen kann. Oder? Ich weiß nicht, was sie sind. Ich bin auch von Englands viktorianischen Gemälden fasziniert. Ich liebe die Prä-Raffaelisten und sehe sie mir an, um Inspiration zu erhalten. Ich besuchte vor kurzem die Tate Galerie in London, um einige im Original zu sehen. Zum Beispiel ‚The Lady of Shalott‘ von John William Waterhouse; es ist ein verdammt gutes Gemälde! Oder ‚Chatterton‘ von Henry Wallis. Ich habe großen Respekt vor Bildern. Unter ihrer offensichtlichen Visualität verbergen sich mächtige Kräfte. Der Unterwelt der Bilder gilt mein Interesse.

Sie sehen sich Bilder an, um sich zu inspirieren. Haben Sie eine Idee und wissen dann gleich, wie das Photo genau auszusehen hat?

Von der ersten Idee zu dem endgültigen Bild dauert es normalerweise sehr lange. Ich arbeite langsam. Manchmal denke ich mehr als ein Jahr lang über ein Bild nach, bevor ich überhaupt anfange, daran zu arbeiten. Aber dann weiß ich ziemlich gut, wie es auszusehen hat, nachdem ich die Idee in meinem Kopf immer wieder geändert habe. Wenn ich anfange, an dem Bild zu arbeiten, fotografiere ich oft noch mal, manchmal 2-5mal. In diesem Stadium der Prozedur ist es wichtiger, das Bild nach meinen Intentionen zu formen; ich experimentiere selten oder füge kaum Veränderungen hinzu.

Es war nie meine Absicht, eine umgekehrte Schöpfungsgeschichte zu kreieren, aber ich fand es eine sehr interessante Interpretation meiner „Entwicklung“. Ich denke, ein Künstler muß unterschiedliche Interpretationsweisen seines Werkes bis zu einem angemessenen Grad akzeptieren. Schließlich können einem nicht alle Aspekte der Kunst bewußt sein, da das Unbewußte einen oft täuscht. Außerdem finde ich lustig, was andere Leute sehen, wenn sie meine Sachen anschauen. Manchmal kann es etwas völlig unterschiedliches sein als das, was ich zu sagen beabsichtigte. Ich betrachte meine Bilder als einen Ort, worauf jeder seine eigenen Geschichten projizieren kann. Ich finde nicht, dass die Bedeutung fest steht.

Welche Rolle spielt Kindheit in Ihrer Arbeit?

Ich glaube, Kindheit spielt eine sehr wichtige Rolle in der Arbeit eines jeden Künstlers oder im Leben eines jeden Menschen. In meiner Arbeit ist es sehr offensichtlich, dass sie eine große Bedeutung hat. Es gibt diese Faszination in meinen Bildern, die direkt aus den Erfahrungen der Welt in der Kindheit ausgehen. Faszination als ein Stadium des Seins, bevor Sprache oder Wörter oder Vernunft die Kontrolle übernehmen und beginnen, die Welt zu formen.

Es gibt in Ihren Arbeiten auch biographische Aspekte. Haben Sie Angst, dass Sie zu viel von Ihren eigenen Erfahrungen preisgeben?

Ich habe mehr Angst, in einer Interview-Situation zuviel von mir zu zeigen, deshalb denke ich, dies sollte mein letztes Interview sein 🙂 Sich selbst zu zeigen ist, wovon Kunst mehr oder weniger handelt.

Frauen werden in Zurück zur Natur zu Objekten reduziert und in Eine Landschaftsstudie sieht man einen Mann mit einem rasierten Nacken. Gibt es eine Verbindung zwischen Nationalismus und Sexismus, da beides sehr brutal sein kann und beides bis zu einem hohen Grad sehr latent in unserer Gesellschaft vorhanden ist?

Ich denke es gibt eine Verbindung zwischen Sexismus und Nationalismus. Man kann sehr deutlich die Mechanismen von der „Angst vor dem Unbekanntem“, dem „Drang nach Kontrolle“ und dem „Wille zur Macht“ vergleichen. Es gibt definitiv eine Verbindung.

Gibt es eine Tendenz zurück zum Nationalismus in der Kunst?

Nein, nicht in der Kunst, sondern in der Gesellschaft. Nationalismus steigt in meinem Land, Schweden, aber zum Glück gibt es eine Menge Menschen, die diese Tendenzen bekämpfen. Als ich bei der Biennale in Venedig ausstellte, fühlte man sich mit den nationalen Pavillons irgendwie lächerlich. Und einige Pavillons versuchten die nationalen Grenzen zu überschreiten, indem sie Künstler anderer Länder präsentierten. Aus Schweden zu sein interessierte mich nie sehr, mit Ausnahme der Eishockey-Weltmeisterschaft. Dann bin ich ein echter Patriot! Was ich an Schweden noch mag, ist (natürlich?) die Natur und einige der Werte wie Gerechtigkeit und Gleichheit, von denen ich finde, dass sie Teil unseres nationalen Vermächtnisses sind.

Nationale Pavillons implizieren (vielleicht unbeabsichtigt), dass es einen Unterschied in der Kunst verschiedener Länder gibt.

Ich weiß es nicht. Natürlich könnte man Unterschiede zwischen beispielsweise den europäischen Ländern herausfinden, wenn man danach sucht. Aber genausogut findet man Gemeinsamkeiten. Als ich einige Zeit aus Venedig zurück war, hatte ich einen Traum, in dem ich zu dem nordischen Pavillon zurückkehrte und entdeckte, dass meine Photographien durch Bilder ersetzt waren, deren Motive ich als afrikanischen Ursprung interpretierte. Es war ein komischer Traum und ich versuche immer noch, ihn zu verstehen. Einerseits war es sehr anstrengend, dass meine Bilder weg waren, aber andererseits hatten sie sich in etwas verwandelt, das sehr aufregend war. Vielleicht suggerierte der Traum Ähnlichkeiten zwischen den Arbeiten. Ich weiß es nicht.

Nach einem schwedischen Journalisten (Hans-Ingvar-Johnsson in einem Buch der schwedischen Botschaft in Deutschland) ist Schweden „Weltmeister in der Gleichheit der Frau“. Ist das Land wirklich ein Vorbild oder ist diese Bemerkung übertrieben?

Ich wüßte gerne den Kontext dieser Bemerkung. Dies ist ein riesiges Thema und es hängt davon ab, wie man Gleichheit definiert. Aber es gibt sicherlich eine anhaltende Diskussion und Debatte in Schweden. Es ist auf der Tagesordnung, darüber zu sprechen und ich finde, die Diskussion ist mittlerweile intensiver als ich sie je zuvor erlebt habe. Aber Frauen werden in Schweden immer noch vergewaltigt, brutal behandelt und ermordet. Von Männern. Und Frauen werden für die gleiche Arbeit immer noch schlechter bezahlt als Männer. Und Frauen fühlen sich unsicher und beschissen wegen der kulturellen Vorstellung, wie eine wirkliche Frau sein sollte. Vielleicht tun das auch Männer.

Ich meine, es ist wirklich ein großer Schwindel, dieser biologische Mist, was Fraulichkeit und Männlichkeit bedeutet. Es ist ein Komplott und auf irgendeine Weise sind wir alle Opfer. Was ich ziemlich cool finde, ist dieses neue Bewußtsein unter jungen Frauen in Schweden, was dieses Thema betrifft. Es gibt definitiv einen neuen Feminismus, der sicherlich helfen wird, vieles zu verändern. Ich wünschte diese Bewegung würde auch in Männern und Jungs dieses Bewußtsein erzeugen. Vielleicht wird es das? Aber als Fakt, was die Gleichheit betrifft – das schwedische Parlament hat eine Mehrheit an Frauen, nämlich 11 Frauen gegenüber 9 Männern im Ministerium.

Gibt es einen speziellen Grund, warum Sie Fotografie als Medium gewählt haben? Wie kamen Sie mit Fotografie in Berührung?

Ich denke, Fotografie wurde interessant für mich, als ich als Kind einige Bücher über Kriminologie las oder vielmehr durchsah: die „Nordisk Kriminalkrönika“. Dies war eine jährliche Veröffentlichung, die mein Vater abonniert hatte. Die trockenen Registrierphotographien von Szenen von Verbrechen schlugen tief bei mir ein. Dies konnten leere Szenen sein, Szenen mit verdeckten Leichen, oder Aufnahmen, die einen Wald oder eine schmutzige Straße zeigten. Es war so faszinierend.

Es gab nie einen intellektuelle Input, als ich aufwuchs. Ich wurde in einer Arbeiterklasse-nicht-kulturell-orientierten Familie erzogen, daher ist es, glaube ich, logisch, dass ich Fotografie wählte, welches ein demokratisches Medium im Sinne von „jeder hat eine Kamera“ ist. Der Schritt zum Malen wäre beispielsweise riesig gewesen, wenn man meinen Hintergrund betrachtet (ja, ich deute hier an, dass die Ausübung von Kunst eine Klassen-Angelegenheit sein KÖNNTE, zumindest anfangs oder ökonomisch oder einfach durch den Weg, durch den man zur Kunst findet). Der Grund weshalb ich aber bei Fotografie geblieben bin ist natürlich komplexer. Ich liebe die Fotografie, wegen ihrer Zeigefingereigenschaft. Es hat etwas mit „der Realität-da-draußen“ zu tun. Auf eine sehr spürbare Weise. Fotografie ist sehr „realistisch“ und doch äußerst surreal und ich liebe die Distanz, die sie kreiert und die Sehnsucht, die sie evoziert.

Gibt es einen Vorteil oder einen Nachteil der Fotografie gegenüber der Malerei oder Bildhauerei, was die Produktion von Kunst betrifft?

Fotografien, Malerei und Bildhauerei sind als Arbeitsmedien sehr unterschiedlich voneinander. Obwohl jeder behauptet, dass „Technik nicht mehr relevant ist“ oder „jeder heute alles macht“ usw. Ja, man kann als Künstler machen, was man will, aber es sollte einem bewusst sein, was man macht oder was man in Betracht zieht. Eeeh…ich stelle fest, dass ich Deine Frage nicht beantwortet habe….Ich denke, es gibt Vor- und Nachteile mit jedem Medium. Es wäre beispielsweise für jede Fotografie unmöglich, diesen enormen Physikalismus und diese beinahe-tot-Erfahrung hervorzurufen, welche die Skulpturen oder besser Installationen „Torqued Ellipses“ von Richard Serra im ‚Dia Center for the Arts in New York‘ schaffen. Aber ich kann andere Dinge mit meiner Fotografie machen, Dinge, die sehr fotografisch sind.

In einem Interview sagten Sie, Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten hätten Ihnen in der Kunstszene geholfen. Ist Respektlosigkeit oder Hartnäckigkeit wichtig, um die Kunstszene zu betreten oder Respekt zu erhalten?

Wenn man nicht weiß, wie man etwas macht, macht man es manchmal besser.

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