Malerei als Übung für den Verstand

1997 auf einer Fähre zwischen Stockholm und Helsinki. Ein junger Mann erscheint auf der Bühne und aus den Lautsprechern tönt Musik aus den frühen 80er Jahren. Seine Augenlider sind bemalt, seine Fingernägel hat er verlängert. Er wirkt uninteressiert und abwesend. Das Publikum kann diesen Auftritt nicht einordnen. Die Mischung aus 80er Pop und buntem Make-up, der Unsicherheit und Abstinenz des Sängers wirkt befremdend. ‚The Heat of the Night‘ ist der Titel dieser Performance.

Der 1970 in Göteburg geborene Tobias Bernstrup gehört zu einer jüngeren Künstlergeneration, die sich nicht nur auf eine einzige Kunstrichtung festlegen möchten. Er tritt auf, singt teilweise selbst-komponierte Lieder, er malt, fotografiert und dreht Videos. Für das Museum Meltdown hat er ein Computerspiel entwickelt, in dem die Besucher virtuell das von Zombies befallene Ausstellungshaus befreien soll.

Tobias Bernstrup, kommen moderne Medien, Video- oder Computer Installationen, heute besser an als z.B. Malerei?

In der Kunstwelt gibt es natürlich ein grosses Interesse an den neuen Medien als Teil der technologischen Revolution. Andererseits gibt es mit der neuen Wirtschaft auch ein neues Publikum und neue ökonomische Interessen. Unternehmen möchten Künstler für ihre „Projekte“ einladen. Oft scheint es da einen Mangel an Inhalt zu geben, oder man sucht einen speziellen Inhalt. Deshalb werden Künstler eingeladen.

Ich bin sehr kritisch gegenüber Veranstaltungen mit einem bestimmten Thema aus der Technologie. Alles, was auf einem Computer-Bildschirm zu sehen ist, ist nicht zwangsläufig interessant. Und es ist im allgemeinen keine gute Idee, Kunstwerke, die nur dies gemeinsam haben, zusammen zu zeigen. Die Idee einer „Rückkehr der Malerei“ ist natürlich eine dialektische Reaktion darauf. Mittlerweile ist es schon ein wenig langweilig, eine Show rund um Computer-Technologie zu veranstalten.

Ist das Publikum bzw. sind die Museumsbesucher Teil Ihrer Arbeiten?

Als ich die Ausstellungen im Meltdown Museum zusammen mit Palle Torsson machte, konnte das Publikum ein Computerspiel spielen, welches den Spieler durch die Räumlichkeiten des Museums führte. Dennoch betrachte ich den Besucher nur als einen Besucher. Ein Computerspiel ist immer ein Mittel, Aktionen einzuschränken – sie in eine bestimmte Richtung zu lenken. Wie wenn man sich einen interaktiven Film ansieht oder die Fernbedienung einem Besucher in die Hand gibt. Die Idee der Interaktion ist alt. Ich denke, dass mich das Aussehen eines Computerspiels – seine Struktur, dass es eine reduzierte Realität ist, oder eine neue Realität – mehr interessiert als die Rolle des Besuchers. Das gleiche gilt für meine Auftritte: das Publikum hat keine Möglichkeit mit mir zu kommunizieren. Es applaudiert, aber ich ignoriere das.

Leidet moderne Kunst unter einem Mangel an Realität?

Nein, ich glaube nicht. Und wenn es einen Mangel an Realität gibt, kann das sehr nützlich und interessant für künstlerische Strategien sein. Ich würde sagen, dass es mehr einen Fetisch für Realität als einen Mangel gibt. Das Phänomen der Doku-Soaps zum Beispiel.

Wie kam es zu ‚The Heat of the Night‘?

Ich interessiere mich sehr für das künstliche Aussehen von Dingen und Menschen. Ich mag beispielsweise künstliche Augenlider mehr als reale. Das kann melancholisch und gleichzeitig sehr schön sein. Und so sollen auch meine Auftritte sein. Die Musik, die ich für die Auftritte schreibe, hat vieles von dem Stil und der Oberfläche der populären Musik der 80er und 90er, wie Eurotrance und Italodisco.

Könnte man die Musik von den Auftritten trennen (z.B. auf CD verkaufen)?

Bisher habe ich mich nicht bemüht, eine Plattenfirma zu überzeugen. Ich mag die Idee nicht, mit anderen Bands oder Musikern bei einer Plattenfirma oder einem Musik-Event zu sein. Ich habe zwei limitierte CDs (The Heat of the Night, 1997 / Images of Love, 1998) herausgebracht. Beide wurden als eine Art „multiples“ verkauft. Zu der Zeit mochte ich die Idee eines kleinen Kunstwerks, das gespielt werden würde und das man sich anhören und es genausogut an einer Wand befestigen könnte.

Was ist so faszinierend an Eurotrance und Italodisco?

Es ist wie eine Fetischkultur, eine Faszination für die künstliche Oberfläche. In diesem Fall die elektronischen Klänge, die von Synthesizern, Samplern oder Computern erzeugt werden. Es hört sich sehr schön an. Ich mag es, mich dem hinzugeben und mich darin zu verlieren. Die Kombination von künstlichen Klängen und melancholischen Melodien ist einfach perfekt.

Welche Musik hören Sie selbst?

Ich wuchs mit Punk, Gothic, Synthesizermusik, Heavy Metal und Euro / Italo Disco auf. Synthesizermusik und Eurodisco ist die einzige Musik, die ich noch immer höre. Ich kaufe nicht mehr viele Platten und ich gehe nicht gerne zu Konzerten. (Mit einer Ausnahme: Gary Numans Comeback-Tournee 1998). Meine letzte Platte war von den Pet Shop Boys – „Night Life“. Ich mag lieber Club und Dancemusic im Radio, im Fernsehen oder in Clubs. Ich denke die Entwicklung der Dancemusic in den letzten zehn Jahren war das interessanteste, was in diesem Bereich passierte. Ich mag Eurotechno, Eurotrance und R’n’B. Diese Genres haben die interessantesten neuen Sounds.

Ist es für Kunststudenten heute wichtig, dass sie malen lernen, bevor sie sich mit Video oder Computern auseinandersetzen?

Nicht unbedingt. Aber sie brauchen einen Hintergrund, eine Erfahrung innerhalb der Kunst, Theorie, Philosophie, Photographie, Film, wie auch immer – oder eine interessante Persönlichkeit. Malen ist dennoch gut, weil man lernt, visuell zu arbeiten. Auch wenn man Konzeptkünstler ist oder Kunst mit dem Computer erzeugt, hat die Arbeit immer einen visuellen Aspekt, was kaum zu ignorieren ist. Aber es gibt immer eine Lücke zwischen Kunstschulen und der Kunst der Gegenwart. Malerei zu lernen hat nichts mit der Kunst der Gegenwart zu tun. Es kann aber eine gute Übung für den Verstand sein.

Sind die zukünftigen Künstler Programmierer?

Ich glaube nicht, dass es viele Programmierer in der Kunst geben wird. Sie sind zu technisch orientiert und haben normalerweise nicht viel zu sagen. Es ist besser, sie für den Künstler arbeiten zu lassen. In dieser Konstellation wäre der Künstler also eher der Regisseur.

Foto von Daian Gan von Pexels