Mache es wie die Römer

Jenny Chu war 28, als sie das erste Mal in ihrem Leben nach China reiste. Ihre Mutter ist Chinesin, ihr Vater stammt aus Malaysia. Chu selbst kam in England auf die Welt und verbrachte ihre Kindheit in Kalifornien. In den Romanen Amy Tans erkannte sie ihre eigenen Erfahrungen wieder: eine asiatische Frau, die im Westen und dennoch in der restriktiven Atmosphäre eines chinesischen Familienlebens aufwächst.

Sie beschloss, ihre eigenen Wurzeln zu erkunden und reiste 1995 erstmals nach China. Anfangs, um ihre Verwandten zu besuchen und die Sprache zu studieren. Später entschloss sie sich, mit einer Fotoserie die Vielseitigkeit der chinesischen Kultur festzuhalten.

60% der Fläche Chinas wird von Han Chinesen bewohnt. Sie machen 90% der etwa 1,2 Billionen Bevölkerung des Landes aus. Die restlichen 10% setzen sich aus 55 verschiedenen ethnischen Minderheiten zusammen, die sich den Han anpassen müssen und die dennoch versuchen, sich ihre eigene Kultur zu bewahren. Jenny Chu reiste immer wieder für einige Monate nach China, um diese Minderheiten zu fotografieren.

Jenny Chu, ist Ihre Mutter Han oder gehört sie einer ethnischen Minderheit an?

Meine Mutter ist Han. Sie kommt aus Shanghai.

Finden Sie das Bild, dass die westlichen Länder von China haben, zu eindimensional?

Ja. Es gibt eine enorme Vielseitigkeit innerhalb Chinas, mit denen sich die Menschen im Westen wahrscheinlich nicht auseinandersetzen. Wenn sie an China denken, dann vor allem an Han Chinesen und auch nur an Bauern oder Politiker. In meinen Fotografien versuche ich, eine repräsentative Auswahl der 10% von Chinas 1,2 Billionen Bevölkerung zu zeigen, welche nach offiziellen Angaben aus 55 verschiedenen ethnischen Gruppierungen bestehen.

Wie unterscheidet sich das Leben der ethnischen Gruppierungen von dem der Han? Gibt es Diskriminierung?

Es gibt riesige Unterschiede zwischen den ethnischen Minderheiten und den Han. Ebenso gibt es entsprechend viel Diskriminierung. Die Hui-Gruppe, eine der größten ethnischen Minderheit, ist im ganzen Land verstreut. Sie folgt zwar der Religion und Kultur des Islam, dennoch sehen Hui wie Han Chinesen aus, verhalten sich ähnlich und schließen auch oft Mischehen.

Auf der anderen Seite gibt es das Volk der Uighur in der nordwestlichsten Provinz Xinjiang, das ebenfalls dem muslimischen Glauben angehört. Die Uighur sehen jedoch kaukasisch aus und bekommen mehr an Diskriminierung zu spüren. Dasselbe gilt auch für die Tibeter, die alle unter Restriktionen leiden: Sie dürfen unter anderem nur begrenzt neue Gebäude für Gottesdienste bauen oder haben nur eingeschränkten Zugang zu angemessener Bildung – verglichen mit den Schulen der Han Regionen.

Wie arbeiten Sie in China? Fotografieren Sie Menschen, die Sie mehr oder weniger zufällig sehen?

Ich plane meine Reisen durch China nicht wirklich. Zu Beginn der Reise weiß ich nur, welche Region ich besuchen werde und welche ethnischen Gruppierungen dieses Gebiet bewohnen. Bin ich dann in China, ist es Zufall, wen ich treffe und wo ich letztendlich lande. Die Zeit, die ich mit denjenigen Chinesen verbringe, dich ich fotografiere, variiert von einem Augenblick bis zu einigen Tagen. Normalerweise verbringe ich einige Monate in China, so dass ich die Möglichkeit habe, mich mehr mit der Vielseitigkeit der chinesischen Kultur auseinanderzusetzen.

Glauben Sie, dass sich die Menschen einer Minderheit als Chinesen identifizieren oder als ethnische Minderheit – gibt es eine Tendenz, dass einige Gruppen eine Unabhängigkeit bevorzugen?

Ich kann nicht für alle der vielen ethnischen Gruppierungen Chinas sprechen. Es gibt so viele Gruppen von Menschen, die ich niemals treffen kann. Ich glaube, sie identifizieren sich zuerst mit ihrer eigenen ethnischen Gruppierung. In einigen Gebieten bevorzugen bestimmte Gruppierungen wohl eine eigene Verwaltung. Die bekanntesten davon sind sicherlich die Tibeter.

Ist dieses Fotoprojekt eine Lebensaufgabe?

Ich hoffe, dass ich China immer wieder besuchen kann. Ich möchte in diesem Jahr die südlichen Teile Chinas bereisen und damit endet der größte Teil meiner Fotoarbeiten. Wenn ich zurückkehre, plane ich ein Buch über meine Arbeiten. Wer weiß, welches Land ich danach erkunden werde. Indien, Kuba und Afrika würden mich reizen.

Sie sind einige Monate durch China gereist – gab es auch politische Probleme bzw. Kontrollen während deines Aufenthaltes?

Ich musste einige Einschränkungen hinnehmen, die meine Reisebewegungen und die Unterkünfte betrafen. Die Behörden institutionalisierten die Trennung zwischen Ausländern und Chinesen bis zu einem gewissen Grad. Um sich in bestimmten Gegenden aufzuhalten, brauchte ich eine Reisegenehmigung der Behörden. Dennoch werden immer mehr Gebiete für ausländische Reisende geöffnet.

Hinzu kommt, dass ich verstärkte Polizei- und Militärpräsenz an Orten wie in der Provinz Xinjiang (und dasselbe gilt auch für Tibet, was ich aber nicht besuchen konnte) wahrnahm – ebenso an anderen Landesgrenzen oder in Gebieten, in denen es zivile Unruhen unter den ethnischen Gruppierungen geben könnte.

Wenn Leute China besuchen, müssen sie verstehen, dass sie in eine Nation mit unterschiedlichen Gesetzen und Verhaltensregeln reisen – eine riesige Zivilisation, die bereits einige hundert Jahre länger existiert als die meisten anderen. Ich habe häufig von Reisenden gehört, die sich über die Verhältnisse in China beschwerten. Als Reisende haben wir die Verantwortung, uns passiv zu verhalten und diese andere Lebensweise zu respektieren. Wie das Sprichwort sagt, „Wenn du in Rom bist, mache es wie die Römer.“

Foto von Magda Ehlers von Pexels