Stillstand ist Unendlichkeit

Nadia Wolinska arbeitete lange Zeit als kommerzielle Künstlerin. Sie entwarf Bühnenbilder für TV- und Filmproduktionen, Porträts und ähnliche Arbeiten. Die gebürtige Französin ging 1993 nach Hongkong, wo sie sich auf rein künstlerische Arbeiten konzentrierte und von da an ihre eigene Öltechnik entwickelte. Eines ihrer beliebtesten Motive ist eine zwei-dimensionale Spirale – eines der ältesten Symbole für die Unendlichkeit.

Nadia Wolinska, ist das Malen für Sie eine Philosophie?

Wenn Philosophie eine Studie der Realitäten und generellen Prinzipien ist, eine Entwicklung von Theorien über die Natur der Dinge und des Verhaltens, dann ja. Dann ist es eine philosophische Angelegenheit. Ich betrachte das Malen als eine lebendige Sache. Malerei kann kreiert werden, ähnlich wie das Universum zu Beginn der Zeit geschaffen wurde.

Ich behandle meine Gemälde als eine lebendige Sache und reproduziere den Prozess des Schaffens. Malen ist eine Art Spielplatz auf der Suche nach einem neuen Verstehen, wie das Leben selbst ein Medium ist, mit dem man seine eigene Philosophie findet und das Leben verstehen kann. Alles ist in allem und jeder Mikrokosmos ist der Spiegel des Makrokosmos.

Malen ist also mehr entdecken als etwas zu beschreiben?

Wie ich bereits sagte, ist das Malen eine Suche nach innerer Wahrheit. Die Beschreibung geschieht mehr mittels einer symbolischen inneren Sprache als der allgemeinen visuelle Sprache. Meine Subjekte sind im allgemeinen sehr abstrakt und keine wiedergebenden Kopien von Objekten aus der realen Welt. Das Wiedergeben basiert mehr auf meiner inneren Auffassung dieser abstrakten Subjekte. Wegen der Abstraktheit der Subjekte, die ich wähle, muss ich eine Möglichkeit finden, diese auszudrücken. Man könnte also sagen, Malen ist für mich das entdecken einer neuen Art zu beschreiben.

Ihre Gemälde sind sehr dynamisch und behandeln das Thema Unendlichkeit. Ist das mehr eine Herausforderung an die Maltechnik oder auch etwas persönliches (etwa eine persönliche Abneigung gegen Stillstand oder Tod)?

Die Suche nach Unendlichkeit ist eine Suche nach Transzendenz. Es ist die Sublimierung einer Sache, einer Idee oder Entität. Eine Transformation eines Elementes in etwas anderes, das nur in dieser Transformation existiert. Es hat nichts mit einer Abneigung gegen Stillstand und Tod zu tun. In einem Stillstand kann ich ebenso Unendlichkeit finden wie im Tod, da ich nicht denke, das der Tod das Ende ist. Suche nach Unendlichkeit ist mehr eine Herausforderung an die Maltechnik als etwas persönliches. Meine Maltechnik ist eine Synthese meines Verständnisses des Lebens.

Gibt es einen Einfluss deiner Umwelt auf Ihre Arbeit?

Ich denke nicht, dass die Umwelt meine Gemälde beeinflusst, da alle Bilder keine Verbindung zu dem haben, was ich sehe. Die Verbindung, die ich zur äußeren Welt habe, hat nur einen kleinen Einfluss auf mein inneres Leben. Ich lebe in sehr unterschiedlichen Ländern und ich spüre jedes Mal, dass sie mich nicht verändern. Ich passe mich vielleicht Umständen an, aber die große Linie in meinem Leben ändert sich nicht. Wir können auch sagen, dass ich eine introvertierte Person bin.

Was bedeutet Hongkong für Sie?

Es war dort sehr schwierig für mich. Ich befand mich an einem Punkt großer Veränderungen und zufällig war ich gerade in Hongkong. Ich denke aber, dass die Stadt selbst keine große Rolle dabei spielte. Ich spürte sofort, dass mich mit einer derartigen Stadt nichts verbindet. Ich sagte oft, dass Hongkong die Hölle auf Erden für mich war – ein oberflächliches Leben in seiner schlimmsten Form umgab mich. Als Introvertierte fühlte ich mich völlig fehl am Platz. Aber ich entwickelte eine neue Öltechnik, die ich heute noch verwende. Ich nehme an, dass ich mehr in mich ging, um nach einer Wahrheit zu suchen – im Kontrast zu dem oberflächlichen Leben, das mich umgab. Ein reiches inneres Leben entwickelte sich, mehr als je zuvor. Hongkong war ein Wendepunkt in meinem Leben. Zum ersten Mal erreicht ich eine Synthese meines Lebens, die mir ein weites Verständnis von mir selbst gab.

Hat Religion eine Bedeutung für Sie?

Ich respektiere alle Religionen als Perlen eines einzigartigen Ganzen. Sie sind eine Quelle des Wissens für das menschliche Bewusstsein. Gott ist für mich kein Glaube, sondern ein Fakt in meinem Leben und meine Beziehung zu Gott ist meine eigene, persönliche Beziehung.

Arbeitest du an einer eigenen Vision oder spielt auch die Kunstgeschichte eine Rolle in deiner Arbeit?

Sie spielt für die Technik eine Rolle. Die Perspektive die ich verwende, stammt von Van Eyck. Ich male aus Pigmenten und mit meinen eigenen Medien. Ich benutze gerne die traditionelle Öltechnik und biete damit eine gegenwärtige Vision. Sie bietet eine größere Palette als die moderne Technik (Acryl). Ich denke nicht, dass ich von vielen Malern beeinflusst wurde. Jedenfalls nicht das ich wüsste. Ich hörte oft, dass Leute meine Arbeiten mit Dalí assoziieren. Ein schönes Kompliment, denn Dalí ist einer meiner Lieblingsmaler.

Foto von Ken Cheung von Pexels