Malerei ist Geräusch, Material, geistige und körperliche Arbeit, Auseinandersetzung und Genuss

Den figurativen wie den abstrakten Expressionisten fühlt sich Simone Hensel verbunden. Mit ihren Bildern sucht sie Ausdrucksmöglichkeiten für das Unterbewußte, für Emotionen wie Ängste und Aggressionen.

Hensel nutzt verschiedene Farbtechniken: Düster-traurige Bilder in Blautönen. Bilder, in denen das aggressivere Rot dominiert, aber auch Bilder mit einer Vielzahl von Farbflecken, wie sie etwa die Tachisten zur Darstellung einer Vielfalt von Gefühlsregungen nutzten.

Simone Hensel, geboren 1970 in Hamilton/Kanada, studierte bei dem Chilenen Raul Bustamente am Freiburger Kunstraum. An der pädagogischen Hochschule studierte sie außerdem Kunst, Französisch und Geschichte und arbeitet heute als Webdesignerin in Freiburg.

Simone Hensel, wie funktioniert die Zusammenarbeit mit einem anderen Künstler – mit Mano Britsch?

Die Zusammenarbeit mit Mano basiert auf der Idee, sich vom Clichée des einsamen (Maler-) Genies zu befreien, bewußt den Egoismus aufzugeben und statt dessen auf den anderen einzugehen bzw. sich zu konfrontieren und in der Arbeit auszutauschen – kurz: über die Malerei in einem Bild zu kommunizieren.

Als bis 1998 „allein-arbeitende“ Künstler stellte dies eine neue künstlerische Herausforderung dar, die uns sofort faszinierte.

Haben Sie eine Idee und versuchen dann, diese gemeinsam umzusetzen?

Praktisch arbeiten wir meist abwechselnd am gleichen Bild. Diese abwechselnden Arbeitsphasen können sehr kurz sein – aber auch länger. Wir arbeiten sehr spontan und mit möglichst wenig Vorgaben und Einschränkungen. Oftmals bearbeiten wir die Bilder von allen Seiten, entweder am Boden oder an der Staffelei. Jede Perspektive eröffnet neue Sichtweisen, Ideen, führt zu neuen Inspirationen und Aussagen.

Es geht also selten eine konkrete Bildidee unserer Arbeit voraus – sondern diese entsteht und wandelt sich im Prozeß. Wir lassen eher die Bilder zu uns sprechen – als das wir sie einpressen in eine vorgefasste Idee. Dies wäre viel zu eng und auch nicht spannend genug.

Mit welchen Problemen wird man dabei konfrontiert?

Die gemeinsame Arbeit an einem Bild führt unweigerlich zu Konfrontationen und Auseinandersetzungen. So inspirierend und fruchtbar dieser Austausch sein kann – genauso anzweifelbar und zäh kann er sein und zeigen, dass man noch lange nicht frei genug ist, auf einander einzugehen. Es kann sich zu einem anstrengenden Kampf entwickeln, bei dem es Übermalungen gibt und ganz radikale Eingriffe in das Bild.

Ein Problem kann sein, dass man keine Chance hat an seinem Stil festzuhalten – sondern mehr oder weniger gezwungen ist, sich für Neues zu öffnen und z.B. den Bildteil, den man für am gelungensten hält, aufzugeben. Das kann dann auch schon mal zu Missmut, Aggressionen und Diskussionen führen. Meist aber führt gerade dies zu den spannendsten und überraschendsten Ergebnissen.

Die Herausforderung bei dieser Arbeit ist also die Konfrontation mit Problem der Balance zwischen Rücksichtnahme und der Faszination an der eigenen Sache. Die Antwort ist immer spannend und die erwiedernde Ergänzung oder auch extreme Verneinung führt immer weiter.

Welche Aspekte interessieren Sie mehr: Form oder Ausdruck?

Form und Ausdruck sind für mich untrennbar. Das eine bedingt das andere- daher verstehe ich Deine Frage nicht so ganz. Ausdruck ist mir in jedem Fall immer wichtig, sowie die Reduktion auf das Wesentliche (z.B. einer Form). Mich interessiert immer mehr das Wesen der Dinge, als nur der äußere Schein.

Fühlen Sie sich den Expressionisten nahe?

Den Expressionisten fühle ich mich natürlich verbunden – seien es die figurativen oder auch die Abstrakten Expressionisten. Ich bin eine große Anhängerin von Willi Baumeisters Theorie über „das Unbekannte in der Kunst“. Aller Kunst, die mich irgendwie berührt und geistig emotional inspiriert und anregt fühle ich mich nah und verbunden.

Viele Malerinnen/Maler arbeiten in Werbeagenturen bzw. mit Webdesign. Wirken sich die Erfahrungen in diesem Beruf in irgendeiner Weise auch auf die Gemälde aus?

Kunst und Werbung sind zwei grundverschiedene Dinge, die miteinander nichts zu tun haben.

Deshalb habe ich auch nicht Grafikdesign studiert, was bedeutet, dass sich die Kreativität und das Können sich nach gewissen Vorgaben orientieren muss, um letztendlich eine gute Werbung für ein Produkt zu machen und den Kunden zufrieden zu stellen.

In das Atelier, welches viele Jahre meine Kunstoase war, in dem ich von einem chilenischen Kunstprofessor (einem wunderbaren Menschen-einem echter Künstler) das künstlerische Handwerk und das Sehen gelernt habe, kamen auch Grafiker, um endlich zu einem persönlichen, freien Ausdruck zu finden.

Aber um hier nicht abzuschweifen, zurück zu Deiner Frage, inwieweit sich mich meine Erfahrungen in meinem Beruf als Grafikdesignerin für Webdesign auf meine Malerei auswirken: („Indem man beispielsweise mehr auf die Wirkung achtet, die ein Bild auf einen Betrachter haben wird“)

Auf die Wirkung meiner Bilder habe ich immer schon geachtet, sie wirken während des ganzen Malprozesses und danach auf mich. Das Spannende an der Malerei ist ja gerade das Entdecken von etwas Unbekanntem.(s.W.Baumeister) Es gibt Bilder, deren Inhalt ich auch erst nach dem Malprozess erkannt habe … und es fällt mir irgendwann wie Schuppen von den Augen… das ist sehr aufregend und interessant.

Wenn man auf die Wirkung seiner Bilder achtet, dann muss man differenzieren zwischen den Gedanken – einmal das Zwiegespräch der/des Künstlerin/Künstlers mit dem Bild und dann (wenn man daran denkt), wie das Bild auf andere wirken könnte oder soll.

Ich verlasse mich hierbei auf mich, und bin dann gespannt auf die Wirkung auf andere und deren Projektionen und Reaktionen.

Was anderes wäre es, wenn ich mit meinem Bild etwas bestimmtes auslösen wollte, eine politische Meinung eindeutig kundtun wollte…(an diesem Punkt bin ich eigentlich, wenn ich nur endlich mal ZEIT bzw. so viel Geld hätte, auf das, was an Mist um uns herum passiert als Künstlerin zu reagieren… ) Das ist eine Kritik an unseren etablierten Künstlern!!!!

Was den Zusammenhang meiner Arbeit mit meiner Malerei betrifft, so differenziere ich hier stark zwischen der Arbeit am Bildschirm (selbst wenn diese frei ist) und der Malerei an sich.

Malerei ist im Gegensatz zur einseitigen Bildschirmarbeit ein Erlebnis mit allen Sinnen – sie ist Geräusch, Material, geistige und körperliche Arbeit, Auseinanderstetzung und Genuss.

Mein Beruf wirkt sich wenig aus auf meine Malerei, weil dies ein ganz anderes Medium ist. Der einzige und nicht besonders gute Einfluss ist, dass ich kaum noch male, weil die Arbeit mich viel zu sehr auslaugt und ich nach 8h Bildschirmarbeit, Kundenbetreuung und dem Kampf gegen Mobbing (was es leider gibt), froh bin überhaupt mal wieder gedanklich zu mir zu kommen.

Ich profitiere von der Malerei und der Herzensbildung – meiner Basis für meinen Gelderwerb, dem Design und von meiner Stärke, mich nicht verwirren zu lassen von orientierungslosen – machtgeifernden Menschen. Ich profitiere aber auch von meiner Kreativität und der Fähigkeit, Kunden mit tollen Ideen zu begeistern und diese umsetzen zu können.

Aber grundsätzlich: die Malerei ist frei! Das ist etwas anderes!!!

Expressionistisch zu malen bedeutet zwangsläufig auch eine Auseinandersetzung mit Emotionen und tieferen Gefühlen – macht Ihnen das manchmal auch Angst?

Die Auseinandersetzung mit Emotionen und tieferen Gefühlen ist Arbeit am Unter-/Bewußtsein. Es gibt viele Wege sich damit zu beschäftigen. Die einen kauen Fingernägel und entwickeln andere selbstzerstörerische Tendenzen, die sie gar nicht bemerken oder aber sie versuchen andere zu zerstören. Die Kunst im allgemeinen – also nicht nur die expressionistische – ist eine Art Gefühle – besonders auch die Angst zu verarbeiten – ganz egal ob jemand singt, malt, tanzt, schreibt, oder sonst etwas kreatives tut, um sich auszudrücken.

Die Angst kennt jeder Mensch – nur was er daraus macht und wie er damit umgeht – das ist entscheidend.

Angst ist auch berechtigt und begründet – wir leben nicht im Schlaraffenland!!! Siehe Ex-Jugoslavien und andere Menschen und Tiere, die wirklich Angst haben!!!!

Meine Antwort ist: unausweichlich viel Mut und Zivilcourage. Sich nicht zu verlieren in einer irrwitzigen Welt und die Angst nicht gewinnen zu lassen! Sich zu wehren!

Auch ich habe Angst!!!ja!