Manchmal denke ich: Dieses Gemälde wird niemand in der Welt verstehen

Schwedische Landschaften mit Einflüssen des Dadaismus und des Expressionismus – so könnte man die Bilder von Emma Gillmor beschreiben. Die Malerin wurde 1972 in Göteborg geboren und studierte an der Königliche Kunstakademie in Stockholm.

Emma Gillmor, ist es heute schwieriger mit Gemälden Aufmerksamkeit zu erlangen?

Nein. Wenn man eine Ausstellung mit guten Gemälden macht, erhält man die Aufmerksamkeit der Besucher. Vielleicht sogar leichter als mit den neuen Medien. Allerdings interessieren sich heute mehr junge Künstler dafür, mit den neuen Medien zu arbeiten und das Malen ist nicht mehr innovativ. Die Malerei ist ein langsames Medium, obwohl man die gesamten Informationen auf einmal erhält. Man braucht viel Erfahrung, um Malerei zu verstehen und um gut zu malen. Die heutige Kunstszene umfasst sehr viele unterschiedliche Bereiche und die Malerei ist nur ein kleiner Teil davon.

Gibt es eine Rückkehr zur konkreten Kunst statt der abstrakten?

Ja, auf eine bestimmte Weise. Die moderne Malerei ist sehr narrativ und oft ist das „Gemälde“ weniger wichtig. Wie bei den jungen britischen Malern und auch hier in Skandinavien. Es gibt aber auch eine starke Tendenz zu einer neuen abstrakten Kunst, die sich mit dem Material, der Dimensionalität und der Frage „was ist Malerei?“ (Jessica Stockholder, Marianna Uutinen und viele andere) auseinandersetzt. Es gibt sehr viele Arten zu Malen und die Grenzen sind heute das interessanteste.

Wie suchst du dir die Themen für deine Bilder aus?

Es beginnt meist mit etwas, was ich auf dem Weg ins Studio sehe. Eine Art Reflexion wie: „dieses Grün wirkte neben dem Orange so kalt, und das schwarze Haus dahinter bringt es zum Flimmern. Das muß ich mir merken.“ Ich male dann, was ich gesehen habe und konzentriere mich auf die visuelle Idee, die ich hatte. Meine Malerei beruht auf Konzentration, dem Aufräumen und Transformieren und sie beruht darauf, viele Entscheidungen zu fällen. Ich denke, dass ein hohes Maß an Bewusstheit ein Kunstwerk gut werden läßt. Und wenn ich mich dann noch dafür interessiere, was mir das Unterbewußtsein sagen möchte, ist das etwas anderes.

Sind die Bilder eher fiktiv oder real?

Meine Bilder sind fiktiv, haben aber einen Anker in der Realität. Ich arbeite recht formell. Ich möchte mit Farbe, Struktur, Licht usw. arbeiten, aber dennoch eine Art Kontrolle über die intellektuelle Geschichte in den Bildern bewahren. Eine Art Ordnung. Daher habe ich immer ein Motiv. Die meisten Bilder entstehen nach einer Erinnerung an etwas, was ich gesehen habe. Das funktioniert wie ein Filter. Ich kann mich nämlich nur an das wichtigste erinnern und dadurch wird das Bild automatisch konzentrierter. Manchmal mache ich auch eine Fotografie, um mich an die Komposition zu erinnern. Manchmal male ich aber auch einfach Dinge, die ich im Studio sehe. Und ich male natürliche Stilleben (wie die Bilder mit den Spiegeln).

Könntest du beschreiben, wie du auf die Idee mit den Spiegeln kamst?

Es begann, als ich zufällig meinen halb-geöffneten Taschenspiegel in meinem Studio liegen sah. Ich dachte über das Bild im Spiegel nach und über das, was ich darin sehen konnte. Ich sah eines meiner Bilder in dem kleinen Spiegel. Ich begann es als Stilleben zu malen und es war wie ein Bild in einem Bild (die meisten meiner Arbeiten sind so: Meta-Kunst) und es entstanden mehrere Dimensionen in einem Raum. Dann übernahm ich einige Objekte aus meinen Gemälden und drehte die Idee wieder um. In den Spiegel-Gemälden kombinierte ich die Qualität der Malerei und der Idee in einem Werk.

Interessierst du dich für Kunsttheorie?

Ja, ich interessiere mich dafür, aber nicht besonders. Ich denke Kunsttheorie ist etwas anderes, als selbst Kunst herzustellen. Die Herstellung ist der kreative und konstruktive Teil, und die Theorie ist der analysierende und „nach-konstruktive“. Es ist eine unterschiedliche Art zu arbeiten und zu denken. Aber ich versuche natürlich, mich so gut wie möglich damit auseinanderzusetzen. Ich denke nicht, dass es möglich ist, unabhängig von der Geschichte der Kunst oder der Geschichte im allgemeinen zu arbeiten. Alles was man macht, hängt mit dem zusammen, was einen umgibt. Und wenn man etwas versucht, das völlig unabhängig sein soll, dann ist das nicht-kommunikativ und mehr wie eine Therapie. Ich versuche in meinen Arbeiten, einen Schritt weiter zu gehen, wie die Künstler dieser Richtung vor mir.

Ist Kunst nicht immer (mehr oder weniger) eine Art Therapie?

Ja, eigentlich ist es wirklich wie eine Therapie. Lange Zeit war es fast verboten, dies zu sagen. Die Kunsttheoretiker zwangen den Künstler präziser und bewußter zu arbeiten. Das ist unmöglich. Aber wenn ein Künstler zu viel in seine Arbeit steckt, z.B. zu viele Gefühle, oder zu viel Theorie, oder zu viel Material oder zu viel von irgendwas, wird das Werk zerbrechen und nicht-kommunikativ sein.

Mit welchen Künstlern fühlst du dich verwandt? Und mit welcher Epoche?

Ich denke, dass ich in zwei Richtungen arbeite. Ich male und mache Objekte über das Malen. Manchmal treffen sich die beiden Richtungen auf eine natürliche Art. Ich fühle mich mit einigen „alten“ Malern verwandt, Edvard Munch, Paul Gauguin und einige andere dieser Zeit, als die Kunst meiner Meinung nach zu Kunst wurde. Ich fühle mich auch sehr mit den Dadaisten verwandt (selbst mit Duchamp), und vor allem mit Curt Shwitters und seinem „Merzbau“. Und auch mit einigen modernen Malerinnen wie Jessica Stockholder und Marianna Uutinnen und einige mehr, die in der gleichen Richtung arbeiten. Silja Rantanen ist eine weitere Künstlerin, für deren Arbeitsweise ich mich interessiere. Sie allen setzen sich mit dem Gemälde als ein dreidimensionales Objekt auseinander.

Gibt es etwas, was du an der schwedischen Landschaft liebst? Einige Bilder vermitteln Wärme, andere jedoch ein eher unheimliches Gefühl. Sind diese beiden Aspekte Teil der skandinavischen Landschaft?

Ich liebe Schweden und die schwedische Landschaft. Ich weiß nicht genau, weshalb ich sie mag, aber man fühlt, dass es eine Möglichkeit gibt, alleine zu sein, bei mir selbst zu sein. Der größte Teil der schwedischen Landschaft besteht aus Wäldern oder im Norden aus Bergen. Und es gibt nicht viele offene Gebiete, in denen man weit sehen kann. Wenn man ein offenes Gebiet findet, dann im Süden (Skåne) oder in einer Gegend, die gerodet wurde. Diese kompakte Materie, die einen umgibt, übt einen Druck auf einen aus. Das ist wahrscheinlich das unheimliche Gefühle, das meine Bilder umgibt. Ein Druck und ein Gefühl der Einsamkeit.

Denkst du an die Wirkung deiner Bilder auf die Betrachter, während du sie malst?

Ich denke nicht wirklich an die Leute, die meine Gemälde sehen werden, während ich male. Man weiß nie, wer sie sehen wird und wann. Aber wenn die Sachen fertig sind, frage ich mich oft: Ist es eindeutig, was ich damit ausdrücken wollte? Gibt es etwas, was ich nicht damit ausdrücken wollte? Und ich reduziere es die ganze Zeit. Ich treffe Entscheidungendarüber, was ich anderen zeigen werde und wie und womit. Manchmal denke ich: Dieses Gemälde wird niemand in der Welt verstehen, aber ich denke, ich werde es dennoch machen. Und ohne die Leute gäbe es überhaupt keine Bedeutung in allem was man macht.

Foto von Jonathan Petersson von Pexels