Man befindet sich unter reichen Leuten

Der schwedische Künstler Lars Siltberg über seine Biennale Teilnahme, Naturwissenschaften in der Kunst und angelsächsische TV-Dramaturgie.

Die Frau singt eine indische Tonleiter, sa-ma-pa-sa, und während das Video läuft und läuft, sieben Minuten lang, verliert ihre Stimme immer mehr ihre Identität. Die Zuschauer bzw. Hörer erleben dabei eine Art audiovisuelle Nachimpression, ähnlich wie eine starke Lichquelle, in die man einige Minuten geschaut hat.

In „The Cabin“ lassen sich fünf Freunde mit einem Minimum an Kleidung und Verpflegung in einer Waldhütte nieder. Jeden Abend führt ein anderer eine Diskussion an, bei der die Erfahrungen des Tages im Mittelpunkt stehen.

In dem Video „Mann mit Bällen an Händen und Füßen“ versucht dieser Mann mit Bällen an Händen und Füßen auf einer Wasseroberfläche zum Stehen zu kommen. Eine Kerze wird in einem anderen Video mit Soundwellen bestrahlt.

In einer Fotoserie werden Gesichter von Menschen gezeigt, Fotos, die unmittelbar in dem Moment entstanden, als die Personen nach einem längeren Schlaf erwachten. Die Bilder zeigen diese Menschen in einem Zwischenstadium – zwischen Wachsein und Schlaf.

Bei einer Straßenperformance ließ sich der Künstler in die Erde graben. Nur der Kopf ist noch zu sehen. Mit Passanten diskutiert er darüber, ob das jetzt Kunst ist oder nicht.

Lars Siltberg heißt der Künstler. Im vergangenen Jahr war der Schwede bei der Biennale in Venedig vertreten. Er liebt diese Art der experimentellen Performance-Kunst, die oft einen wissenschaftlichen Hintergrund haben. Er stellt die Frage: Wie reagieren Menschen in außergewöhnlichen Situationen?

Aber auch die alltägliche Umgebung des Menschen wird manipuliert und untersucht. In dem Projekt „Autonom“ formte Siltberg in einem Wald bei Vetlanta Symbole aus gegebenen natürlichen Objekten. Schafft man geometrische Formen in der Natur mit Objekten aus der Natur, ist die Natur dann noch natürlich?

Lars Siltberg, die Neue Züricher Zeitung sah in deinen Videos „Mann mit Bällen an Händen und Füßen“ einen Beitrag zur gegenwärtigen Debatte über Gentechnik. Ist diese Interpretation richtig oder zu begrenzt?

Welche Debatte über Gentechnik? Sein oder Nicht-Sein? Wie deine Frage impliziert, halte ich es für eine einseitige Interpretation, aber ich kenne den Kontext dieser Aussage nicht. Natürlich gibt es eine Ähnlichkeit zwischen der äußeren Form des Mannes und etwa den kleinen Bällen und Stäben, die man benutzt, um jemandem die Struktur von Molekülen beizubringen.

Ist es denn möglich, dass sich die Besucher der riesigen Biennale wirklich mit den Arbeiten der Künstler auseinandersetzen können, wenn sie so viele Eindrücke in einer einzigen Ausstellung erhalten? Oder laufen sie einfach nur durch?

Ich glaube an diese Art von Ausstellungen. Wie du sagst, sieht man viele Arbeiten nicht und von einigen bekommt man nur sehr wenig mit, da man es eilig hat, müde oder abgelenkt ist. Aber es gibt Hunderte von Arbeiten, die man sich ansehen kann und daher besteht auch die Möglichkeit, etwas zu sehen, was einen tatsächlich interessiert.

Es ist schwierig, so etwas in einer typischen Ausstellungseröffnungsnacht in Berlin oder Stockholm zu verwirklichen, und schon gar nicht in Göteborg. Außerdem ist es eine Möglichkeit, Kunst als ein allgemeines Konzept zu manifestieren.

Dennoch denke ich, dass kaum ein Künstler mit der Situation in Venedig wirklich zufrieden ist. Man befindet sich unter reichen Leuten und im luxuriösen Milieu. Deshalb ist es schwierig, das Ganze als eine auch nur annähernd demokratische Veranstaltung zu betrachten. Ein Künstler muss mit seinen Plänen für die Installationen Kompromisse eingehen.

Und wie in jeder Gruppenausstellung, ist die Arbeit, die man am Ende präsentiert, letztlich nur ein sehr kleiner Teil des Gesamtwerkes und kann bestenfalls für sich selbst stehen. Oft ist es doch nur ein Querschnitt, das Gegenteil einer Einzelausstellung, bei der man seine eigene Position darlegt.

Schließlich liegt es beim Kurator, ob er den Mut aufbringt, die Arbeiten von Leuten zusammenzubringen, die nicht nur die Gemeinsamkeit haben, in der Kunstszene gerade beliebt zu sein (wobei ich nicht nur an meine eigene Situation denke!). Und ob er in der Lage ist, die Arbeiten, die er hoffentlich nicht nur in Kunstmagazinen zu sehen bekam, selbst zu interpretieren, etwa in dem er die Künstler trifft, mit ihnen spricht und die Arbeiten live sieht.

Was ist dein eigener Eindruck von der Biennale? Ist es eine repräsentative Auswahl der Gegenwartskunst? Hast du etwas vermisst?

Natürlich vermisst man immer etwas, auch wenn die Veranstaltung riesig ist und es viele Arbeiten zu sehen gibt. Da nur eine Person für den allgemeinen Eindruck, den die Show vermittelt, verantwortlich ist, gibt es auch eine bestimmte Richtung. Daher kann man nicht erwarten, dass man alle Variationen an Werken und Richtungen findet. Man findet das vielleicht auf internationalen Kunstmärkten. Aber die kurze Antwort auf diese Frage ist, dass ich sehr offen bin für alle Arten von Arbeiten, die man mir zeigen möchte. Ich kann wirklich nicht sagen, ob es eine gute Auswahl der Gegenwartskunst ist oder nicht.

In fast all deinen Arbeiten gibt es einen naturwissenschaftlichen oder untersuchenden Aspekt. Ist die „Naturwissenschaft“ Teil deiner Kunstauffassung?

Ich interessiere mich für wissenschaftliches Arbeiten, vor allem für Physik. Ich versuche uns aus einer Art vorgefertigten Geschichte heraus zu schaffen, die man in physiologischen Phänomenen findet. Das heißt, ich glaube, dass physiologische Kräfte einen große Wirkung auf meine Vorstellungskraft haben – und natürlich auch auf die von anderen. Kunst und Wissenschaft hatten immer Ähnlichkeiten, wenn man an den offenen Prozess denkt. Es ist nicht immer klar, wohin die Arbeit geht. Das trifft natürlich nur auf die Grundlagenforschung zu, nicht auf die angewandte, kommerzielle wissenschaftliche Forschung.

Was hat dich an „The Cabin“ interessiert? Die Erfahrungen, die ihr dabei machen werdet oder die der Leute, die sich die Videos später ansehen?

Es war eindeutig ein soziologisches Experiment, in dem wir selbst die untersuchten Objekte waren. Das Ziel war, dass das Ergebnis die praktischen sozialen Muster herausstellt, die in einer Situation eintreten, in der kein Schutz, kein Zuhause, vorbereitet war – wie im alltäglichen Leben. Welche Parameter würden uns als notwendig erscheinen und welche Prioritäten würden wir setzen?

Wie hast du reagiert, als die TV-Sender die Idee von „The Cabin“ in eine Fernsehshow verwandelten? Hast du die Sendung gesehen? Gibt es im Verhalten der Teilnehmer Ähnlichkeiten mit Eurem?

Sehr oft ist die Kunst der Zeit voraus. Das war die Essenz der Avantgarde. Natürlich waren diese Leute nicht von mir und meinen Freunden direkt beeinflusst. Es war eher eine Bewegung, erzwungen durch den Konkurrenzdruck der TV-Anstalten, die für einen weiteren moralischen Zerfall innerhalb der Medien bereit sind.

Als Idee ist diese Art des Fernsehens interessant. Es bräuchte den fiktiven Apparat nicht. Aber da das allgemeine Publikum mit angelsächsischen dramaturgischen Techniken erzogen wurde, muss man das wohl entsprechend angleichen, wenn man Geld machen will. Ich weiß nicht, ob es Gemeinsamkeiten zwischen uns und den TV-Teilnehmern gab. Ich hatte die Sendungen nur einige Male gesehen, als sie erstmals vor vier oder fünf Jahren ausgestrahlt wurden.

Hast du selbst etwas aus deinem Verhalten gelernt?

Ja. Wer sich selbst auf einem Video sieht, findet fast immer einige Details in seiner Persönlichkeit, die er vorher nicht kannte. In diesem Projekt ging es darum, wie man in einer Gruppe zusammenarbeitet. Wie viel oder wenig Verantwortung werde ich bereit sein, zu übernehmen? Werde ich viel reden? Mag ich diese Menschen überhaupt? Warum mache ich das? Ich meine, es passieren so viele Dinge, die man in seinem Erfahrungsschatz sammelt. Aber um dir etwas konkretes zu nennen – während der Zeit verliebte ich mich in eine Frau, die ebenfalls dabei war. Seither leben wir zusammen.

In der Performance „Dug down with head up“ gab es Diskussionen darüber, was Kunst ist. Ist diese Diskussion heute noch immer dieselbe, wie man sie etwa von Duchamp kennt? Fühlten sich Leute durch die Performance provoziert?

Einige Leute fühlten sich tatsächlich provoziert, aber in erster Linie, weil sie sich auf die Diskussionen mit anderen – mit mir oder meinen Freunden – einließen. Diese Diskussionen werden einen vielleicht an Duchamp erinnern, aber man sollte bedenken, dass die bei der Performance ausgetauschten Ideen von Zuschauern hervorgebracht wurden, die es nicht gewohnt sind, über Kunst zu diskutieren.

Selbst wenn wir Duchamp und andere Ausweitungen im Bereich der Kunst voraussetzen, ist es überraschend und bis zu einem gewissen Grad erfrischend, auf das „normale Publikum“ zu treffen. Wir sollten auch nicht vernachlässigen, dass schätzungsweise 50% der Passanten keine Notiz von der Performance nahmen, obwohl es klar war, dass da jemand vor ihnen in der Erde eingegraben war.

Ist denn eine Performance im Freien eine Möglichkeit, ein „normales Publikum“ zu erreichen, oder spricht man da auch nur Menschen an, die sich für Kunst interessieren?

Ich denke, es ist eine Möglichkeit. Es hängt natürlich davon ab, wie diese „Kunst im Freien“ aussieht. Aber bei dem „Dug Down“ Projekt denke ich schon. Ich glaube, dass es in diesem Fall sogar schwieriger ist, ein kunst-interessiertes Publikum zu erreichen. Es war zu unspezifisch. Es ist Performance-Kunst in einem sehr allgemeinen Sinne. In diesem Fall reagieren Menschen, die gerne reden und ein wenig Zeit übrig haben. Die lassen sich auf eine Diskussion ein. Es gibt aber auch Ausnahmen.

Einige Zeit nach der Biennale: War es für dich persönlich ein Vorteil, daran teilgenommen zu haben? Hat man nun mehr Möglichkeiten, selbst auszustellen bzw. bekommt man mehr Einladungen? Ist es einfacher, Sponsoren für Projekte zu finden?

Zu allen Fragen: Ja! Aber nicht in dem Maße, wie ich es geglaubt hatte. Ich denke, es ist klar, dass dafür nicht die eine hinreißende Show derart bedeutend ist, sondern der komplette Eindruck, der über einen gewissen Zeitraum entsteht.

Foto von Spencer Selover von Pexels