Schiffsmeldungen

Einst wurde einem alten Fischer bei Fox Cove ein großer Tumor in seinem Rücken diagnostiziert. Als der Arzt die notwendigen langen Einschnitte vornahm, ohne Narkotika, war er über den Stoizismus des Patienten erstaunt. Der alte Mann hatte während der Operation keinen einzigen Ton von sich gegeben und als der Arzt fertig war, schaute der Mann aus dem Fenster und murmelte: ‚Ich schätze wir werden heute Nordostwind haben‘ – als wäre ihm die Entfernung des Tumors keine Beachtung würdig.

Der Mann ist ein Neufundländer. Conrad Trelawney Fitz-Gerald, der diese Episode in seinem Buch ‚Albatros‘ schildert, bezeichnet den Neufundländer als stoisch und ohne Emotionen, wenn ihm eine Gefahr drohe.

Es sind diese neufundländischen Charaktere, die Proulxs Buch bevölkern und dessen eigenartigen Charme ausmachen. Sie heißen Billy Pretty, Jack Buggit, Diddy Shovel, Al Yark oder Mavis Bangs. Grimmige Typen mit einem starken neufundländischem Akzent, mutig und jederzeit hilfsbereit.

Der traurige Held Quoyle wird von den Einheimischen als einer von ihnen akzeptiert. Seine Vorfahren stammen aus Neufundland. Gleichzeitig sieht er sich als ein Fremder, der erst nach vielen Jahren in einer großen Stadt Neufundland als Zufluchtsort entdeckt.

Auf die Welt kam Quoyle in Brooklyn. Er ist nicht besonders hübsch. Er ist nicht besonders schlau. Seine Kindheit war eine reine Tortur. Er wurde an der Schule wie auch an der staatlichen Universität ausgelacht. Sein Vater war ein rücksichtsloser Despot.

Entsprechend sehnt sich Quoyle nach dem Glück in einer eigenen Familie. Er heiratet. Seine Frau bekommt zwei Kinder von ihm, die sie etwas später verhökert, um mit dem Geld abzuhauen. Sie kommt bei dem Versuch ums Leben. Der mittlerweile 36-jährige Quoyle sieht nur noch einen Ausweg. Er holt die beiden Kinder zurück und flüchtet in die Heimat seiner Eltern. Seine Tante, die dort ebenfalls eine neue Existenz sucht, unterstützt ihn dabei.

Quoyle nimmt einen Job bei einer Lokalzeitung an. Er ist für die Schiffsmeldungen zuständig. Er schreibt über die wenigen Schiffe, die im Hafen anlegen. Seine Tante versucht, sich eine Firma aufzubauen. Sie polstert Möbel in neuankommenden Schiffen aus.

Es passieren viele Dinge in dem einfachen Alltag der Provinz. Nahezu jedes Kapitel des Buches ist reich an kleinen Abenteuern. Nach und nach verarbeitet Quoyle, was er in seiner Kindheit erlebt hat. Er wird erwachsen. Auch seine Tante lebt mit einem Trauma, über das sie nicht sprechen kann.

Es ist wahrlich keine glückliche Geschichte, die Proulx in „Schiffsmeldungen“ erzählt. Obwohl Quoyle an viele komische Antihelden der Literatur erinnert, wird er so etwas wie echtes Glücklichsein nie empfinden. „Das Buch hat kein Happy End,“ sagt Proulx in einem Interview mit dem Buchjournal. „Es sieht nur so aus. Das Happy End ist in diesem besonderen Fall die Abwesenheit des Schmerzes.“ Es ist keine Komödie, eher ein Drama über die ewige Suche nach Geborgenheit. Proulx: „Im Buch wirkt das Fehlen von Elend wie blindes Glück. Das ist aber gleichzeitig das, was die meisten von uns im Leben zu erreichen versuchen.“ Wohl wahr!

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