Ein wenig Farbe auf den Boden

Eine junge Frau hält dem Künstler einen Ausstellungskatalog hin und bittet ihn um ein Autogramm. Jackson Pollock, der leicht abwesend wirkt, öffnet im Zeitlupentempo seinen Füller und erfüllt seine Pflicht. Langsam hebt er seinen Kopf und seine leeren Augen suchen verträumt die Halle ab.

Es ist der Höhepunkt von Jackson Pollocks Karriere. Er hat gerade seine erfolgreichste Ausstellung eröffnet. Es ist dieser Zeitpunkt, das Jahr 1950, mit dem der Film beginnt, aber nicht, wie man es erwarten könnte, wieder endet. Denn es gibt noch ein tragisches Davor und Danach.

Wir sehen im nächsten Bild den Künstler betrunken von einer Sauftour nach Hause torkeln, neun Jahre vor der eben erwähnten Vernissage. 1941 lebt Pollock mit seinem Bruder Sande und dessen schwangerer Frau in der gemeinsamen Wohnung in Greenvich Village. Am nächsten Morgen – Pollock schläft gerade seinen Kater aus – steht Lee Krasner vor seiner Tür.

Die Malerin solle mit Pollock und anderen Künstlern eine Ausstellung teilen und er sei der einzige der New Yorker Abstrakten Expressionisten, den Krasner bisher nicht kennt. Sie lädt Pollock in ihre Wohnung ein. Der lässt sich zwar drei Wochen Zeit, sucht sie aber schließlich auf. Krasner verliebt sich in ihn. Die beiden ziehen bald zusammen. Krasner ist von Pollocks Arbeiten so beeindruckt, dass sie ihn als eine Art Managerin betreuen will, während sie ihre eigene Karriere zurückstellt.

Pollocks Freund Reuben Kadish gelingt es eines Tages, die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim und ihren Talentscout Howard Putzel auf Pollocks Werke aufmerksam zu machen. Die beiden organisieren Pollocks erste Einzelausstellung. Doch trotz des ersten Erfolges bleibt der Maler seinen Alkoholexzessen treu. Erst als Krasner ihn dazu überredet, sie zu heiraten und mit ihr in ein Landhaus in Springs zu ziehen, bekommt er allmählich die Sucht in den Griff und kann sich ganz auf seine Malerei konzentrieren.

Er entwickelt dabei einen völlig neuen Malstil, das Drip Painting, bei dem der Künstler die Leinwand mit dem Pinsel nicht mehr berührt, sondern die Farbe aus einigen Zentimetern Entfernung darauf tropfen lässt oder spritzt. Es ist Pollocks endgültiger Durchbruch als Avantgardist. Das Life Magazine widmet ihm mehrere Seiten, der Dokumentarfilmer Hans Namuth dreht ein Porträt.

Ist es vorher die Sehnsucht nach Anerkennung, so ist es nun der Ruhm, der dem Künstler zu schaffen macht. Noch während Namuths Dreharbeiten greift Pollock nach dreijähriger Abstinenz wieder zur Flasche. So wird die Ausstellung der Eingangssequenz zwar ein Erfolg, doch danach verliert Pollock endgültig die Kontrolle über sein Leben. Er trinkt, schreit seine Frau an, wirft mit Gegenständen um sich. Seine Freunde wenden sich allmählich ab. Der ihm stets wohlgesonnene Kritiker Clement Greenberg widmet seine Artikel anderen Künstlern. Eine letzte Hoffnung hat Pollock, als er eine Affäre mit dem jungen Model Ruth Klingman beginnt. Er glaubt, noch einmal von vorne anfangen zu können. Doch nach einer Party verliert er im Rausch die Kontrolle über seinen Wagen. Er stirbt im Alter von 44 Jahren.

Zehn Jahr arbeitete der Darsteller und Regisseur Ed Harris an der Idee zu diesem Film. Er las Biographien und Artikel über Pollock und begann sogar, dessen Malstil zu imitieren. Für die Dreharbeiten ließ er die Originalschauplätze bis in die kleinsten Details nachbauen. Selbst die Mode wurde anhand Fotografien exakt nachgestaltet. Auf Originalgemälde verzichtete das Team, stattdessen malte Harris sämtliche Film-Werke selbst.

Harris, der für seine Rolle in Peter Weirs „Truman Show“ den Golden Globe sowie eine Oscar-Nominierung erhielt, ist in jeder Szene anzusehen, mit welchem Engagement und mit welchem Respekt vor dem Künstler er diesen Film anging. Er erzählt die Geschichte eines alkoholkranken Malers, der an seinem obsessiven Bemühen um Ruhm und Anerkennung zugrunde geht. Er erzählt außerdem das Drama einer komplexen Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen, die von einander abhängig sind und sich dennoch immer fremd bleiben. In beiden Fällen ist Ed Harris ein sehenswerter Film gelungen

Doch als Künstler- oder besser Kunstporträt kann ‚Pollock‘ nicht durchgehend überzeugen, weil Harris zugunsten der Dramaturgie sich zu sehr an die Vorgaben eines Hollywoodfilmes hält. Sein Bemühen, ein breiteres Publikum nicht allzu sehr mit kunsttheoretischen Auseinandersetzungen zu erschrecken, ist problematisch, etwa wenn er Pollocks Drip Painting dadurch entstehen lässt, dass dem Künstler beim Malen zufällig ein wenig Farbe vom Pinsel auf den Boden tropft.

Und doch sind gerade jene Szenen die stärksten, in denen Harris vor der Leinwand steht oder sich über sie beugt, um sie konzentriert und sensibel mit Farbe zu füllen. Der Film-Pollock soll in einer Szene nach Anweisung des Dokumentarfilmers Namuth mit dem Malen aufhören, da die Dreharbeiten beendet sind. Pollock malt weiter, weil er in diesem Moment des Schaffens nicht mehr erreichbar ist und die Anweisung nicht verstehen kann. In Momenten wie diesem ist es Harris tatsächlich gelungen, dem echten Pollock nahe zu sein.

Foto von Steve Johnson von Pexels