Kieselsteine in einem riesigen Ozean

Die Arbeiten der finnischen Künstlerin Laura Horelli haben stets einen soziologischen Charakter. Horelli untersucht moderne, globale Kommunikationsformen und ihre Auswirkungen auf regionale Eigenheiten.

Ihre ersten Einzelausstellung 1999 in der Galerie der Kunstakademie Helsinki setzt sich mit der Bedeutung von Handys für eine Gesellschaft auseinander, die Beziehung von Handys zu Raum und Ort und die Art und Weise, wie die Geräte genutzt werden. Menschen privatisieren den öffentlichen Raum, indem sie nicht für die Öffentlichkeit gedachte Gespräche eben in dieser Öffentlichkeit führen. So entsteht ein neuer Raum zwischen den bisherigen: der Privatheit und der Öffentlichkeit.

Um Kommunikation geht es auch in ‚Japanese English Advertising Slogans‘ (2000). Die Video-Installation entstand während eines dreimonatigen Japan-Aufenthaltes. In Japan stehen oft englische Slogans auf der Verpackung von Produkten. Sie sind mehr graphisches Element als eine tatsächliche Botschaft.

Horelli notierte sich die Slogans und schrieb daraus einen Dialog. Vier junge Japaner unterhalten sich nur mit diesen Slogans, während sie alltägliche Dinge verrichten. Es entstehen absurde Szenen, in denen die Akteure etwa die Verlässlichkeit einer Heizung oder den Entspannungs-Effekt eines Kaffeearomas besprechen.

In ‚Social Distances‘ (1999) setzte sich Horelli mit den Theorien des amerikanischen Anthropologen Edward T. Hall auseinander. Der erkannte verschiedene Ebenen innerhalb des persönlichen Raumes. Diese Ebenen gab Horelli auf dem Boden der Galerie wieder, in dem sie Linien auf dem Boden markierte. Die Besucher konnten die Distanz dieser Räume erfahren.

Bilder aus vier europäischen Städten und Aufnahmen von Passantengesprächen zeigen in ‚Three Ways of Approaching Four Cities‘ (2000) die zunehmende Ähnlichkeit moderner Großstädte sowohl in den Gesprächen wie auch in Schriftzügen oder der Architektur.

Im März 2000 kam in Finnland erstmals mit Tarja Halonen eine Präsidentin an die Macht. Dies und die Reaktionen der Öffentlichkeit und der Medien darauf brachte Laura Horelli auf die Idee zu ‚Current Female Presidents (2001)‘, einer Weltkarte, auf der die von Frauen regierten Länder markiert sind und die Collagen mit Porträts der jeweiligen Präsidentinnen enthält: der aus Panama, Lettland, Sri Lanka und wenigen anderen.

Auf der riesigen Karte wirkten die gekennzeichneten Länder „wie Kieselsteine in einem riesigen Ozean“, sagte Horelli. Die Installation wurde auf der Biennale in Venedig präsentiert.

Laura Horelli, Deine Arbeiten haben meistens einen soziologischen Hintergrund. Wie entstehen sie? Beobachtest du etwas und dokumentierst es dann? Oder verbringst du viel Zeit mit der Lektüre anthropologischer bzw. soziologischer Theorien, so dass deine Arbeiten auf diesen Forschungen basieren?

Ich tue normalerweise beides, aber jedes Projekt ist unterschiedlich. Häufig inspiriert mich ein Gespräch, eine Zeitschrift oder etwas, was ich in meiner unmittelbaren Umgebung wahrnehme. Ich begann mich z.B. für Handys zu interessieren, als ich im Sommer 1998 nach einem Jahr Abwesenheit Helsinki besuchte. Ich war erstaunt über die plötzliche Zunahme an Handys in der Stadt.

Meine erste Reaktion war, die Art und Weise, auf welche die Menschen die physische Struktur der Stadt zum Telefonieren nutzten, zu dokumentieren. Ich arbeitete einige Mal mit dem finnischen Soziologen Timo Kopomaa zusammen, der sich auf Handys spezialisiert hatte. Ich lud ihn ein, einen Text über seine Forschungen zum Thema ‚Handys und Stadt‘ für die Publikation ‚Metronome‘ zu schreiben. Später fragte er mich, ob er meine Fotografien in seinem Buch ‚Die Geburt der Handy Gesellschaft‘ benutzen dürfe.

Für meine Nachforschungen lese ich recht viel, oft aus unterschiedlichen Quellen wie Internet, Boulevardblättern, Zeitungen, Magazinen und Büchern. Ich hatte schon oft im Internet nach Ideen gesucht und viel über bestimmte Themen gelesen, nur war ich nie in der Lage, sie zu einem Projekt weiterzuentwickeln.

Ich versuche ein Gleichgewicht zwischen Praxis und Theorie zu finden. Normalerweise lese ich viel während der Arbeit an einem Projekt oder danach, um die Arbeit dann in einen Kontext zu stellen. Ich lebe nicht in einem Vakuum. Es ist gut, die bisherige Forschung zu einem Thema zu berücksichtigen.

Wie wichtig ist das Medium selbst? Betrachtest du eine Videokamera als Aufnahmegerät, um deine Ideen zu veröffentlichen oder legst du Wert auf eine bestimmte Videotechnik, die man nur in deiner Kunst findet?

Ich bin nicht davon besessen, mit bestimmten Medien zu arbeiten. Für mich ist Inhalt sehr viel wichtiger als Form. Ich mag die Beschreibung des Filmemachers Chris Petit, die Videokamera sei ein Schreibwerkzeug. Trotzdem ist die Übersetzung einer Bedeutung in eine Form wichtig. Räumliche, kompositionelle Aspekte sind innerhalb eines Ausstellungsraumes wie auch innerhalb der Arbeit interessant. Ich mache visuelle Kunst und viele Leute interpretieren die Arbeiten nur visuell, unabhängig vom Inhalt.

Wie kamst du auf die Idee, ein Projekt über die Raumtheorien des Soziologen Edward T. Hall umzusetzen?

‚Social Distances‘ schloss sich der Arbeit über Handys an. Kommunikation mit einem Handy bedeutet, von weit weg zu kommunizieren. Ich musste dabei an die Distanz denken, die man in der direkten Kommunikation einnimmt. Ich stieß auf ein Buch des dänischen Architekten Jan Gehl, ‚Life between buildings‘. Gehl setzt sich mit Edward Halls Theorien auseinander, als er der Frage nachgeht, wie sich Architektur auf nachbarschaftliche Gemeinschaften auswirke. Die Distanz zwischen den Menschen, die aus einem Fenster schauen, und den Menschen auf der Straße, sind in modernen Unterkünften größer als sie es etwa in einer mittelalterlichen Gemeinde waren.

Haben sich die Besucher der Galerie an der Arbeit beteiligt?

Ich gab die vier sozialen Distanzen in Halls Text auf dem Fußboden der Galerie wieder, so dass die Besucher die Distanzen physisch erleben konnten. Einige probierten diese Entfernungen aus. Viel wichtiger aber war, dass sich die Leute die Entfernungen vorstellen konnten. Die Arbeit bot die Möglichkeit, sich an ihr zu beteiligen, aber das war für das Verständnis nicht notwendig.

In den meisten deiner Arbeiten spielt der öffentliche Raum aber auch Werbung eine Rolle. Ist beides, wie Naomi Klein es in ‚No Logo‘ beschreibt, untrennbar miteinander verbunden?

In einem städtischen Umfeld ist es sehr schwierig, werbefreie Räume zu finden. Der sogenannte öffentliche Raum ist immer mehr ein pseudo-öffentlicher, kommerziell-privater Raum. Man wird ständig mit Werbeanzeigen konfrontiert. Es ist die mächtigste visuelle Sprache, die existiert. Daher fand ich es notwendig, diese vermittelten Botschaften wie auch meine persönliche Reaktion darauf zu analysieren.

Werbeanzeigen beziehen sich oft mehr auf Lifestyle als auf das eigentliche Produkt. In vielen Projekten habe ich Parallelen zwischen dem realen Leben und der Werbung gezogen. Wirklichkeit und Werbung einander gegenüberzustellen, hat meist einen beeindruckenden Effekt, da sich beide bildliche Darstellungen sehr stark unterscheiden. Ein gutes Beispiel sind die Fotografien von Margaret Bourke-White aus den dreißiger Jahren. Sie verdeutlichen den visuellen Gegensatz von Reklame und der sie umgebenden Landschaft

Wie waren deine Erfahrungen in dieser Hinsicht mit dem Projekt ‚Three ways of approaching four cities‘?

Zu der Zeit hatte ich Naomi Kleins ‚No Logo‘ nicht gelesen. Ich war aber sehr von den Ideen der Situationisten beeinflusst. ‚Three ways of approaching four cities‘ basiert auf Material (Ton, Bilder, Text), das ich aus vier unterschiedlichen Städten sammelte: Helsinki, Stockholm, Berlin und Frankfurt.

Das Material wurde in der Installation sehr einfach und nüchtern präsentiert: Das Videoband zeigt Fotografien, die sich in einem langsamen Tempo von links nach rechts bewegen, die Karte und die Poster sind mit gleichartigen schwarzen und grauen Texten versehen, von einem Tonband hört man Sätze in einer monotonen Stimme. Es scheint, als würde man an allem vorbeigehen. So als wäre öffentlicher Raum etwas, woran man vorbeigeht, sich aber nicht darin befindet.

Die Städte haben unterschiedliche Sprachen und Plätze, aber die gleiche Firmenarchitektur, die gleichen Geschäfte, Lebensmittelketten und Banken. Die vier Städte wirken wie eine einzige, teilweise wegen meiner Darstellung, aber auch wegen der Ähnlichkeiten, die die Globalisierung mit sich bringt.

In deiner Biographie steht, dass du heute in Frankfurt lebst. Wie kamst du in diese Stadt?

Ich studierte zwei Jahre an der Kunstakademie Helsinki und wollte einige Zeit in einem anderen Land verbringen. Ich hatte kein Interesse daran, in ein englischsprachiges Land zu gehen, da ich neun Jahre in Kenia und England gelebt hatte. Ich hoffte, eine neue Sprache zu lernen. Zu der Zeit war die Frankfurter Akademie die einzige in Deutschland, mit der die in Helsinki einen Erasmus Vertrag hatte. Nach einem Jahr in Deutschland hatte ich dann die Möglichkeit, noch länger zu bleiben.

Mein Dozent in Helsinki, der Konzeptkünstler Lauri Anttila, unterstützte mich dabei. Ich konnte in Frankfurt bleiben, aber trotzdem mein Studium in Helsinki fortsetzen. Ich kehre mehrmals im Jahr nach Helsinki zurück, um meine Arbeiten vorzulegen. Frankfurt ist keineswegs eine schöne Stadt, aber doch interessant und sehr international. Im Moment lebe ich aber in Berlin, da ich etwas Abstand zur Städelschule brauchte. In Frankfurt ist die ganze Kunstszene mit dieser Schule verbunden.

Was kann man sich unter deiner aktuellen Arbeit ‚Stehlen / Gestohlen‘ vorstellen?

Ich arbeite mit Geoff Garrison an einem Projekt über Diebstahl. Wir fragen Menschen per E-Mail, ob sie jemals etwas gestohlen haben oder ob ihnen etwas gestohlen wurde. Durch diese individuelle Befragung hoffen wir herauszufinden, welche Art von Dingen im allgemeinen gestohlen werden – werden sie gestohlen weil sie wertvoll sind? Oder weil sie als so trivial angesehen werden, dass sie es nicht Wert sind, dafür zu bezahlen?

Wir hoffen – vielleicht indirekt – auch zu lernen, was Menschen als Diebstahl betrachten. Wie betrachten sie ihre eigenen Taten im Vergleich zu jenen, die an ihnen begangen wurden. Und was sind die Motive für die begangenen Taten? Schließlich hoffen wir, dass diese Arbeit eine Form des Dialogs mit anderen über das Wesen des Eigentums und des Diebstahls auslösen wird. Mit den Antwortmails entwickelten wir eine Website, ein „Online-Archiv gestohlener Objekte“.

Die Geschichten sind auf Deutsch, Englisch und Finnisch – die Sprachen, die ich und mein Mitarbeiter verstehen. Man kann Geschichten aus dem Archiv lesen oder auch eigene Erlebnisse beitragen. Die Website ist unter http://stestevar.tripod.com. Wir hoffen das Projekt weiterentwickeln zu können, vielleicht in Form eines Radioprogramms oder Videos.

Nachdem in Finnland mit Tarja Halonen erstmals eine Frau das Präsidentenamt die Präsidentschaft übernahm, kommentierten Medien vor allem ihr Aussehen und ihre Kleidung. Hat sich das mittlerweile geändert?

Tarja Halonen selbst scheint sich nicht allzu sehr um die Kritik an ihrer Erscheinung zu kümmern. Als man kritisierte, sie würde eine riesige Handtasche tragen, antwortete sie, es sei für eine Frau wichtig, eine Tasche zu haben, die groß genug ist, all die Sachen zu beinhalten, die sie braucht. Sie ist eine sehr erfahrene Politikerin, deren Hauptinteressen Demokratie und Wohlfahrtstaat sind.

Zu Beginn ihrer Zeit wurde viel nur über Dinge diskutiert, die sich auf ihre Position als erste Präsidentin beziehen. Wie spricht man sie an? Wie nennt man ihren Partner? Sollte ihr Partner bei Besuchen bei anderen Staatschefs seine Zeit mit deren Frauen verbringen? Aus diesem Grund wurde das Präsidentenpaar sehr eng von den Medien verfolgt. Ich denke, mittlerweile ist der Alltag eingekehrt und das Interesse hat nachgelassen. Beim Empfang des Unabhängigkeitstages trug Halonen ein traditionelles Kostüm, was sehr positive Reaktionen hervorrief.

Würde wieder alles von vorne anfangen, wenn nun zum zweiten Mal eine Frau gewählt werden würde?

Ich bezweifle, dass künftige Präsidentinnen derart eifrig wegen ihres Aussehens kritisiert werden. Menschen gewöhnen sich sehr schnell an Dinge. In Irland wurde zweimal in Folge eine Frau gewählt. Angeblich soll es kleine Jungs gegeben haben, die ihre Eltern fragten, weshalb sie selbst nicht Präsident werden könnten.

Andererseits achten Menschen bei Frauen mehr auf Kleidung und erwarten von Frauen auch einen besseres Gespür für Kleidung als von Männern. Das Bild der Frau als die „schönere Hälfte“ ist so stark in unserer Gesellschaft – ich denke, es wird einige Jahre dauern, bis sich das legen wird.

Glaubst du eine Frau hätte derzeit in Deutschland oder beispielsweise in den USA gute Chancen, zur Präsidentin oder Kanzlerin gewählt zu werden?

Ohne Kandidatinnen kann es diese Möglichkeit nicht geben. Das erste Ziel müsste sein, mehr Frauen in höheren politischen Ämtern zu haben. Es gibt nur wenige Vorbilder an erfolgreichen Politikerinnen. Normalerweise betrachtet man Politik nicht als typische Berufswahl einer Frau, d.h. nicht viele Frauen werden ermutigt, diesen Beruf zu wählen. In Deutschland hatte Angela Merkel die Möglichkeit, von der CDU als Kanzlerkandidatin nominiert zu werden.

Elizabeth Hanford Dole war die erste ernsthafte Bewerberin um die Präsidentschaft der USA. Aus finanziellen Gründen schied sie 1999 vorzeitig aus dem Rennen. Von über 12.000 Menschen, die in den letzten 200 Jahren im US Kongress saßen, waren nur 215 Frauen (http://www.thewhitehouseproject.org). Wäre eine Präsidentschafts- bzw. Kanzlerkandidatin kein Novum mehr, wäre es wahrscheinlicher, dass man sie wählen würde. Die Erfahrung ist ein wichtiger Faktor für die Wähler. Würde es mehr Frauen in sämtlichen politischen Posten geben, würde sich die Situation sicher verbessern.

Politik ist nicht sehr beliebt, vor allem bei jungen Menschen. Bei Schulkindern in Japan ist es der unbeliebteste Beruf. Nur 17 Prozent der amerikanischen Jugendlichen wollen überhaupt Präsident werden. Da die Macht zunehmend in die Hände multinationaler Konzerne übergeht, ist die Gefahr groß, dass Politik in Zukunft weiter an Bedeutung verlieren wird. Es wäre traurig, würden Frauen erst in der Politik erfolgreich, wenn diese bereits an Einfluss verloren hätte.

Foto von Olivier Darny von Pexels