Auch Schmutz kann interessant sein

Ein verschmutztes Straßenschild, eine Autobahn, ein Klärwerk, eine Fabrikhalle, eine Raffinerie – das sind die Motive der Malerin Elke Sobotka. Gemälde, die, sieht man sie wie im folgenden nur in der Reproduktion, auf den ersten – sehr kurzen – Blick wie Fotografien wirken.

Die großformatigen Bilder scheinen Momente darzustellen, wie sie nur noch in der Erinnerung bestehen. Der Umgang mit Licht und Perspektive, die unscharfen Konturen geben eine Wirklichkeit wieder, die eine Fotografie nicht imstande ist, einzufangen. Elke Sobotka, 1965 in Kärnten/Österreich geboren, arbeitet seit 1994 als freischaffende Künstlerin in Bonn. 1999 stellte sie im Haus der Kunst in München aus. Seither waren ihre Bilder in Einzel- und Gruppenausstellungen in Köln, Düsseldorf, Mainz, u.a. zu sehen.

Elke Sobotka, gehst du oft in Museen bzw. beeinflussen dich Museumsbesuche?

Ja und nein. Ich sehe mir einiges an, unmittelbar und direkt davon beeinflusst fühle ich mich nicht. Es wäre natürlich falsch, wenn jemand behaupten würde, die künstlerische Arbeit würde nicht durch das, was es gibt, beeinflusst oder entwickelte sich womöglich sozusagen im luftleeren Raum; das gilt also auch für mich. Damit meine ich nicht allein direkte Einflüsse durch Dingliches, das man unmittelbar vor sich sieht oder etwa durch ganz bestimmte Arbeiten, die man kennt.

Es ist einfach immer so: Alles beeinflusst alles. Selbst wenn jemand nicht in Museen geht, wäre er – ohne es zu wollen – auf eine Art von der existierenden Kunst, der Kunstgeschichte oder der Literatur und letztlich vom viel strapazierten Zeitgeist beeinflusst. Ich halte es für völlig unmöglich und unrealistisch, einen geradezu absurden Ansatz, frei von äußeren Einflüssen zu arbeiten. Was immer man ein- oder ausblendet, ist nicht nur Aktion, sondern auch Reaktion, natürlich auch auf Persönliches, auf die eigene Biografie, die Umgebung, usw.

…aber es gibt bei dir keinen bewussten Einfluss?

Ich zitiere nicht bewusst. Ich will mich nicht auf bestimmte Arbeiten beziehen, auch nicht beabsichtigt distanzieren. Es gibt keine konkreten Vorbilder. Selbstverständlich kann ich aber Sachen nennen, die mir gefallen. Dazu gehören auch solche, die von meiner Arbeit weit weg führen. Wenn ich jetzt einen Namen nennen soll, fällt mir z. B. sofort Sam Francis ein. Den finde ich großartig, aber es gibt nicht gerade enge Berührungspunkte.

Ich interessiere mich für vieles, was in der Kunst passiert und schaue mir auch einiges an, aber bisher noch nie, um mich dann direkt in der eigenen Arbeit damit auseinander zu setzen. Wenn ich mir etwas ansehe, ist mein erster Umgang damit übrigens völlig spontan und subjektiv. Dasselbe wünsche ich mir vom Betrachter für meine Arbeiten.

Eine direkte Faszination muss erst mal da sein, danach kann dann die intellektuelle Auseinandersetzung kommen, nicht umgekehrt. Oder: Das Werk darf nicht schlechter sein, als die Idee. Ich sehe mir schon mit einer gewissen Tendenz lieber gegenständliche Malerei an, die ja für viele einen Hautgout hat. Dass die Malerei tot wäre, besonders die gegenständliche, wie es immer wieder ausgerufen wurde, ist natürlich Blödsinn. Moden in der Rezeption sind eine Erscheinung, die den Betrieb manchmal unbeweglich macht.

Ich habe eher das Gefühl, dass es eine Rückkehr zu realistischer Kunst gibt…

Deswegen ja in der Rezeption. Aber gegenständlich heißt nicht zwangsläufig realistisch. Nebenbei, ich sehe meine Arbeit weniger als realistische an, auch wenn das vielleicht auf den ersten Blick anders erscheint. Jedenfalls hat es immer interessante Malerei gegeben, behaupte ich. Der Kunstmarkt und die journalistische und sonstige Rezeption haben das mal mehr, mal weniger bemerkt.

Es stimmt aber, es gibt in der öffentlichen Wahrnehmung jetzt langsam wieder eine Hinwendung zu Malerei und Fotografie, das prägt natürlich den Markt. Jetzt wird auch wahrgenommen, dass Malerei und Fotografie einander beeinflussen, sich vereinzelt auch annähern. Wenn man sich die letzten 2 oder 3 Art-Ausstellungen vergegenwärtigt, waren beide Ausdrucksformen und ihre Berührungspunkte dort deshalb besonders sichtbar.

Nichtsdestotrotz hat die Malerei, besonders gegenständliche, immer noch einen schwereren Stand. Malerei und Fotografie sind zwar wieder etwas beliebter, aber speziell die Malerei wird in bestimmten Zusammenhängen trotzdem ganz grundsätzlich ausgeblendet, strikt aussortiert, wie einem Naturgesetz folgend.

Dabei spielt wohl die Angst eine Rolle, bieder oder konservativ zu erscheinen, nachdem es einmal schlicht in Mode gekommen war, dieses Etikett immer gleich mit zu denken. Aber es gibt in der Malerei, auch in der gegenständlichen, wie natürlich in anderen Bereichen auch, vieles, was noch gesagt oder dem Existierenden hinzugefügt werden kann.

Wenn es gelingt, dann ist es immer spannend und auf irgendeine Art neu. Ein anderer Punkt ist wohl, dass man Qualitätsprobleme Gegenständlichem schneller ansieht. Daraus entwickelt sich dann zum Teil eine generalisierende Abneigung. Vielleicht ist es aber auch einfach die Befürchtung, auf irgendein klares Urteil festgelegt werden zu können.

Kunst, die weniger anbietet, hat sozusagen immer noch den intellektuellen Notausgang, der gegebenenfalls auch über mangelnde Qualität hinweghilft. Ich glaube, im Umkehrschluss hat sich auch die Auffassung entwickelt, etwas, das schon auf den ersten Blick, scheinbar zumindest, irgendwie erfassbar ist, könnte zu banal sein. Aber auch andere Dinge können, glaube ich, banal sein.

Bist du mit der Bonner Kunstszene in Berührung?

Eher nicht. Aber ich empfinde es als Luxus im positiven Sinne, nicht in diesem dauernden Dialog arbeiten zu müssen. Es gibt zuviel Kunst und zu viele Künstler, um ständig wirklich alles wahrzunehmen.

Ist es kein Vorteil, in einer Gruppe zu arbeiten, gerade was die Vermarktung angeht?

Ich glaube nicht.

Gibt es so etwas wie Konkurrenzdenken?

Als allgemeines Phänomen oder als ein größeres Problem meiner Arbeit? Letzteres trifft wohl nicht zu. Dass der Markt eine ökonomische Konkurrenzsituation unter allen Kunstschaffenden herstellt, ist ja vollkommen klar. Es kann natürlich für Betrachter interessant sein, wenn Arbeiten, die bestimmte Dinge verbindet und anderes trennt, auch mal zusammen gezeigt werden. In der Münchner Ausstellung war ein unglaublich breites Spektrum zu sehen – auch Neue Medien und Fotografie. Ich fand es dort auch für mich selbst reizvoll, meine Arbeiten in diesem Kontext zu sehen.

Wie hat sich deine Malerei entwickelt? Hast du schon immer mit ähnlichen Motiven gearbeitet?

Ja, mit ähnlichen im weitesten Sinne. Es war anfangs noch etwas stärker landschaftlich orientiert, aber die motivischen Elemente, die jetzt im Vordergrund oder isoliert verarbeitet werden, spielten teilweise auch schon eine Rolle. Sie waren aber mehr, als das jetzt der Fall ist, in eine landschaftliche Umgebung integriert.

Landschaftlich heißt? Wie sahen die Bilder vorher aus?

Ausschnitte von Straßen und Abschnitte von Autobahnen, Pflanzen und Natur. Ich habe etwas Mühe, in zwei Worten zu beschreiben, wie die Bilder aussahen.

Aber es war nie reine Natur?

Nein, einerseits fand ich das vom Ästhetischen her für meine Arbeit nicht so spannend und andererseits haben Motive bestimmte Konnotationen. Die schüttelt man oft nicht ab. Aber gerade, weil eben die Malerei an sich für meine Arbeit wohl der Kern der Sache und nicht nur Mittel ist: Die Möglichkeit, etwas Bestimmtes malerisch umzusetzen, die ist für mich besser gegeben, funktioniert in meiner Arbeit fast immer besser, wenn das Motiv nicht auf eine vordergründige, direkte Art schön ist im platten Sinne.

Das Ganze wird so freier und kommt dem inneren Kern sozusagen näher. Dazu kommt die bestimmte Ästhetik von Formen und Oberflächen. Telegrafenmasten, Werbetafeln….auch Schmutz kann unglaublich interessant sein.

Wenn ich arbeite, habe ich aber zunächst sozusagen ein fertiges Bild ohne bildlichen Inhalt im Kopf. Das klingt zwar erst mal paradox. Aber es ist eine Vorstellung, die nicht so ohne weiteres in Worte zu fassen ist. Trotzdem kann das Wesentliche davon vielleicht direkt wahrgenommen werden, wenn schließlich das fertige Bild betrachtet wird.

Ich habe einfach diese konkrete Empfindung im Kopf. In dem Moment gehe ich dann mit der Kamera los und fange etwas ein, was ich in der Umsetzung so bearbeiten kann, dass es dem, was ich mir dachte, schließlich sehr nahe kommt. So irgendwie funktioniert es.

Du hast schon eine Idee, bevor du losgehst?

Ja, aber eben eine etwas abstrakte Idee, nicht eine Vorstellung von einem bestimmten Motiv wie etwa von einem konkreten Gebäude oder einem ganz bestimmten Behälter einer Raffinerie. Ein Motiv entwickelt sich erst durch den Filter dieser Idee, sozusagen.

Wie viele Fotografien machst du von einem Objekt?

Viele. Zahlenmäßig kann ich das nicht benennen. Fotografie ist ein relevanter Teil meiner Arbeit: Der Blick durch die Kamera, die Auseinandersetzung damit. Anschließend entwickle ich das Ganze, sortiere, wähle aus, präzisiere, grenze ein – gewisse Ausschnitte, Kompositionen.

Ich verändere das gewonnene Extrakt in der Umsetzung, in der Farbigkeit. Meine Arbeit hat keinen dokumentarischen Charakter. Die Arbeit mit der Fotografie, mit den ausgebreiteten Fotos vor mir und dem ursprünglichen Gedanken, den ich eigentlich eher als diffuse Ahnung bezeichne – das ist ein Zusammenfinden und Eingrenzen und ein sehr wichtiger Moment.

Aber deine Arbeiten basieren nicht auf je einer einzigen Aufnahme?

Nein, sehr oft fließen Dinge ein, die mit mehreren Fotografien zu tun haben, oder auch in keinem der hergestellten Fotos zu finden sind, die aber in der Arbeit im wesentlichen auf einer Fotografie aufgebaut werden. Es ist nicht einfach eine Übertragung. Ich projiziere auch nicht. Für mich ist es spannender, es nicht zu tun, denn dadurch kommen gewisse Freiheiten ins Spiel.

Wie hat sich deine Arbeit technisch entwickelt?

Ich möchte feststellen, dass meine Arbeit nicht in erster Linie mit ständiger Veränderung oder Entwicklung der Technik zu tun hat. Die allerersten Arbeiten unterscheiden sich in technischer Hinsicht von dem, was ich aktuell mache, nicht sehr.

Es ist einfach klar, dass beispielsweise eine bestimmte Art von Umgang mit einer pastosen Masse, die die Farbe ist, also der Farbauftrag, gewisse Konsequenzen auf der Leinwand hat. Das kann sich jeder, auch wer noch nie einen Pinsel in der Hand hatte, bewusst machen und sich damit lange technische Probephasen ersparen. Trotzdem gibt es natürlich so etwas wie eine handwerkliche Routine, die eine gewisse Erfahrung voraussetzt.

In einem Artikel hat man dich mit Gerhard Richter verglichen…

Was kann man malerisch machen, ohne sozusagen zwangsläufig mit Gerhard Richter verglichen zu werden, der nach Auffassung mancher alles besetzt hat? Auch, wenn ein Vergleich zunächst mal als Kompliment aufgefasst werden könnte; wenn man genauer hinsieht, kommt man zu ganz anderen Ergebnissen. Es gibt in meiner Arbeit Dinge, die sich wohl sehr stark von Richter unterscheiden. Die Atmosphäre und die Farbigkeit sind wirklich völlig unterschiedlich.

Es gibt technische Unterschiede. Die Konturen werden anders bearbeitet. Richter arbeitet überwiegend nicht mit Lasuren, sondern nass in nass. Das hat in der Konsequenz eine andere Bildwirkung. Ich arbeite lasierend, allerdings ohne Malmittel. Es eröffnet bestimmte Möglichkeiten im Umgang mit Konturen. Die Textur der Leinwand spielt dabei eine Rolle. Dann gibt es noch das gelegentlich benutzte Argument mit der Unschärfe. Aber meine Unschärfe und die von Richter sind unterschiedlich erzeugt und sehen, steht man vor dem Bild, entsprechend anders aus. In der grundsätzlichen Behandlung des Sujets sehe ich auch nicht viele Übereinstimmungen.

Würdest du Auftragsarbeiten annehmen?

Rein theoretisch wäre es schon denkbar, dass man mich mit Erfolg bittet etwas umzusetzen. Könnte ich das, was mir atmosphärisch wichtig erscheint oder was mich anspricht, darin wiederfinden, dann könnte ich das machen. Das ist aber für meine Arbeit immer die Voraussetzung. Ich bin ja keine Technik-Maschine, die alles Beliebige nach Schema F umdeutet. Sind gewisse Voraussetzungen nicht gegeben, ist alle Technik umsonst.

Das besondere Element muss ich in der Sache schon sehen können. Erst recht finde ich meine Arbeit falsch verstanden, wenn jemand Abbildung verlangt. Da verweise ich dann auf die Fotografie. Ich sehe mich, wie schon gesagt, nicht erzählend oder gar dokumentarisch darstellend. Ich habe mich schon einmal an einem Projekt versucht, das mir als Auftragsarbeit nahegebracht wurde. Ich habe mich 2-3 mal dort hinbegeben, aber es scheiterte bereits im Vordenken. Rein theoretisch wäre es möglich, gesetzt den Fall, es wären einige Voraussetzungen erfüllt. Aber es würde mit großer Wahrscheinlichkeit weniger interessant werden, für den Betrachter, wie auch für mich.

Könntest du dir auch vorstellen, völlig andere Landschaften zu malen?

Im Moment sind immer noch Detailansichten von mehr oder weniger industrieller Architektur ein spannendes Thema. Es ist natürlich kein Prinzip, z. B. immer wieder Behälter zu malen. Aber ein Thema, das fasziniert, hat eine eigene Kraft. Da macht man nicht schon am Tag darauf etwas völlig anderes.