Candy aus dem Reich der Mitte

„Ich bin ein Wasserstrahl, den der Regen zurückgelassen hat,“ begrüßt die 31-jährige Autorin die Besucher ihrer Website. Doch derart romantisch geht es in ihren Büchern selten zu: Sie schreibt über Drogenexzesse, Alkohol, Selbstmord, Gewalt, Prostitution – kurz, alles Dinge, die man kaum mit dem kommunistischen Riesen China verbindet.

Es passt einfach nicht so recht ins Bild, das der Westen von dem Land hat und es passt schon gar nicht in das Bild, dass die Regierung des Landes von sich haben will. Kaum vorstellbar, dass sich die Jugend in Shanghai dem Rave und den Drogen hingibt. Aus Langeweile? Aus Frust? Wer „La la la“ liest, eine Sammlung von Kurzgeschichten, erkennt, dass es oft die Einsamkeit ist, die Figuren wie Mr Chocolate oder Miracle Fruit in die Partywelt treibt.

Mian Mian begann mit 17 erstmals zu schreiben, als ihr Klassenkamerad sich das Leben nahm. Mian floh in die Stadt Shenzhen, wo sie sich ins Drogen- und Nachtleben stürzte. In einem Club wurde sie vergewaltigt. Ihr damaliger Freund betrog sie. So begann Mian bald auf härtere Drogen umzusteigen.

Ohne Geld kehrte sie schließlich verzweifelt nach Shanghai zurück. Ihre Eltern brachten sie in eine Entzugsklinik. Mit 24 schließlich begann sie wieder ein halbwegs normales Leben zu führen. Ihre Ängste, ihre traumatische Erlebnisse verarbeitete sie fortan in ihren Texten. Autobiographisch sind sie nicht, betont Mian Mian immer wieder. Und doch erkennt man vieles von dem wieder, was sie über sich in Interviews erzählt.

In einer sehr poetischen, bildichen Sprache schreibt sie über junge Menschen in Shanghais Discotheken, ihre Drogenerfahrungen, ihre sexuellen Fantasien, über Beziehungen, die nie funktionieren und über die Sehnsucht nach Liebe, über die Einsamkeit dieser langen Nächte der Metropole.

Anfang 2000 erschien in China ihr erster Roman, „Every Good Kid Deserve Candy“. Im April wurde das Buch von der Regierung verboten. Alle Bücher durften nun nicht mehr verkauft werden. Hunderttausende Raubkopien zirkulierten bald im ganzen Land. Der Roman wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Nebenbei organisiert Mian größere Tanzparties in vielen chinesischen Großstädten. Seit 2001 beschäftigt sie sich auch mit Filmprojekten.

Mian Mian, in China zirkulieren viele Raubkopien von „Candy“. Hat das auch etwas Positives, wenn man das als Protest gegen Zensur betrachtet?

Nein, die Raubkopiererei ist nur ein Geschäft. Die wollen nur Geld damit verdienen. Die Verbannung meines Buches bedeutet, dass das Buch selbst, mein Name und auch mein Bild nirgendwo in einem Buchgeschäft oder in den Medien erscheinen dürfen.

Glaubst du, dass sich viele junge Leute in China mit dem Leben in „La la la“ identifizieren können?

Ich denke schon, ja.

Siehst du dich als Autorin in irgendeiner chinesischen Tradition?

Nein, natürlich nicht. Ich denke, dass mich der Rock’n’Roll aus dem Westen sehr beeinflusst hat und mir viele Ideen zum schreiben gibt. Jim Morrison, etwa, oder PJ Harvey.

Welche Musik hörst du beim Schreiben?

Klassische Musik, Rock, Dance, alles mögliche. Den ganzen Tag und die ganze Nacht läuft in meiner Wohnung Musik.

Nach all dem was du persönlich erlebt hast – wie würdest du deine Situation heute beschreiben?

Mein Leben ist heute einfacher als früher, weil meine Ansprüche an das Leben einfacher sind. Ich erfahre mehr Liebe und habe mehr Freunde. Ich will einfach was trinken gehen, tanzen, mit meinen Freunden Partys feiern und zusammen Filme drehen. Trotzdem habe ich viele andere Probleme. Vor allem Beziehungen und meine Tochter. Der Vater hat mir meine Tochter für sieben Monate gestohlen.

Das ist heute ein großes Problem für mich. Aber ich kann klar darüber nachdenken und es ertragen. Ich kann es auch rational lösen. Ich habe mehr Kraft, den Schmerz zu besiegen. Ich kenne die Philosophie über das Leben besser, weil ich gerne darüber nachdenke und gerne lerne. Ich verließ die Schule schon vor langer Zeit, weil ich damals keine andere Wahl hatte. Ich dachte, ich würde verrückt werden, wenn ich das nicht täte.

Bist du wütend, wenn Menschen deine Bücher als autobiografisch betrachten und dadurch an intimen Erlebnissen aus deinem Leben teilhaben zu glauben?

Es interessiert mich nicht, ob andere Leute mein Leben kennen. Es interessiert mich auch nicht, wie andere über mein Privatleben reden. Als Schriftstellerin muss ich dem Publikum aber ehrlicherweise sagen, dass mein Roman nicht autobiografisch ist. Er entstand aus einer realen Lebenserfahrung. Ich denke, dass niemand außer meinen Freunden jemals mein wirkliches Leben kennenlernen wird.

Wie empfindest du die Vermarktung deines Romans? Man hat den Eindruck, die Verleger wollten dir das Image eines Popstars geben.

Meine Verleger wollten keinen Popstar aus mir machen. Das Popstar-Image ist einfach mit der Zeit entstanden. Die Medien und die Öffentlichkeit machen aus mir eine komische Figur. Ich werde weiterhin meine Kunst fortsetzen, meine Intelligenz verwenden und es lieben, ein Popstar zu sein.

Mit 17 zu schreiben war „den Schmerz rauszuschreiben“, hast du mal in einem Interview gesagt. Wie ist das heute?

Heute hat sich mein Schreibstil völlig geändert. Ich möchte keine Schmerzen. Ich habe jetzt weniger Schmerzen. Ich fange an, viele Dinge zu akzeptieren und zu verstehen. Ich denke negativ, aber das sind keine Schmerzen. Das Schreiben ist für mich eine Art und Weise, das Leben glücklicher zu machen und bedeutungsvoller. Ich schreibe, um meine Liebe auszudrücken. Meine Vergangenheit ist in meinem Herz begraben. Einige dunkle Erlebnisse werden mich nie verlassen. Aber nur das Schreiben konnte mein Leben bedeutungsvoll machen.

Sexualität, Drogen – in China waren diese Themen lange verpönt. Warum kommen sie jetzt zum Vorschein?

Weil es nur eine Mian Mian gibt und die Zeit beschlossen hat, dass Mian Mian die geeignete dafür ist. In China sind die Leute heute eher bereit, über Sexualität zu sprechen, als sie es noch vor kurzer Zeit waren. Und immer sind es Bücher, die Sexualität und Drogen thematisieren.

Glaubst du, der Westen hat ein falsches Bild von China?

Ich denke, im Westen haben sie ein falschen Bild. China ist so verschieden von den westlichen Ländern. China befindet sich in einer Phase großer Veränderungen.

Wie würdest du dein Verhältnis zu China heute beschreiben?

Eine gute Frage. China ist alles an mir, und es ist ein sehr interessantes Land. Ich versuche immer, mehr über mein Heimatland zu erfahren. Heute stehe ich zwischen dem Westen und dem Osten. Zwischen diesen beiden Kräften wünschte ich, ich würde nicht immer nur mich und mein Land repräsentieren, dann könnte ich auch auf der Bühne der Welt besser tanzen.

Foto von Somben Chea von Pexels