Mexiko in Blut und Dreck

Octavio rast mit seinem besten Kumpel durch die Straßen. Auf dem Rücksitz liegt ein blutender Hund. Die beiden werden verfolgt. Es fallen Schüsse. Octavios Wagen prallt auf einer Kreuzung gegen einen anderen und überschlägt sich.

Es ist ein rasanter Beginn für einen Film, von dem man weiß, dass er etwa zweieinhalb Stunden dauern wird. Das Tempo und die Aggressivität der Anfangssequenz weisen vorsorglich schon einmal darauf hin, was einen in dieser Zeit erwartet. Es werden Hunde aufeinander gehetzt, bis sie sich zerfleischt haben. Es werden Geschäfte überfallen. Ein Mann wird beim Essen hingerichtet, ein anderer lässt seinen Bruder zusammenschlagen.

Der Name „Pulp Fiction“ fällt, wenn Kritiker nach einem Vergleich für „Amores Perros“ suchen, aber es ist ein fragwürdiger Vergleich. Gewalt ist bei Alejandro González Inárritu nicht Teil einer unterhaltsamen Filmästhetik. Der einstige Werbe- und Kurzfilmer zeigt die Gewalt in einem erschütternden Realismus. Diese Gewalt ist nicht beschönigend. Die Menschen sind keine coolen Gangster. Sie richten sich zugrunde. Mit dem Leben in dieser erdrückenden, aggressiven Metropole Mexico City, einer der größten Städte der Welt, scheint niemand zurechtzukommen.

Inárritu erzählt seine Geschichte in ineinander verflochtenen Episoden. Er geht nicht chronologisch vor. Der Film beginnt mit einem Unfall, erzählt wie es dazu kam und kehrt wieder zum Unfall zurück. Weiter geht es mit der Geschichte der ebenfalls an dem Zusammenstoß beteiligten Frau. Erneut der Unfall. Die Kamera schwenkt auf einen verwahrlosten alten Mann, der Octavio aus dem Wagen rettet und ihm dabei Geld abnimmt. Auch seine Geschichte wird erzählt.

Inárritus Figuren sind alle auf der Suche nach so etwas wie einer Zukunft. Sie wissen alle, dass sie keine haben. Damit gehen sie unterschiedlich um. Octavio träumt davon, auszureißen. Er hat sich in Susana, die Frau seines Bruders, verliebt. Der verprügelt sie regelmäßig. Sie will trotzdem nicht mit Octavio weg, vielleicht weil sie weiß, dass es nur bei dem Traum bleiben wird. Einen Ausweg gibt es nicht. Octavio glaubt weiter daran. Er schickt seinen Hund zu illegalen Hundekämpfen, um Geld für seine Abreise mit Susana zu sammeln.

El Chivo hat seine Familie vor Jahren verlassen, um als Untergundkämpfer die Revolution zu unterstützen. Heute gammelt er in einem Blechschuppen vor sich hin und verdient sich als Auftragskiller. Ein junger Geschäftsmann engagiert ihn, um seinen Partner und Halbbruder zu töten. El Chivo entführt beide kurzerhand und sperrt sie zusammen in sein Blechlager.

Valeria ist Model und lebt mit dem Verleger Daniel zusammen, der für sie Frau und Kinder verlassen hat. Nach dem erwähnten Autounfall ist sie für lange Zeit ans Bett gefesselt. Ihre Karriere scheint beendet. Als ihr Hund im Parkettboden versinkt und nur noch leise winselnd zu hören ist, wird sie in der Enge allmählich wahnsinnig. Daniel denkt indes an die Zeit bei seiner Familie zurück.

„Amores Perros“ ist ein kraftvoller, symbolhaltiger Film, einer der besten lateinamerikanischen Filme der letzten Jahre. Inárritu entwickelte eine intensive Bildsprache, die die bedrückende Gewalt in der Stadt erschreckend deutlich wiedergibt, ohne ihre Ursachen zu ignorieren.

Die Bilder eines Hundekampfs, bei dem sich zwei Tiere gegenseitig zerfleischen, werden Kinobesucher so schnell nicht vergessen. In der Erinnerung ist freilich schwer zu unterscheiden, ob es die Hunde oder die Menschen waren, die blutverschmiert aufeinander losgehetzt wurden.

Foto von Genaro Servín von Pexels