Alle modernen Aspekte Asiens ignoriert

Der 50-jährige Amerikaner Kevin Kelly gründete 1993 das Magazin Wired, das in den Folgejahren zum wichtigsten Blatt über Internetkultur wurde und zahlreiche Preise erhielt. Er schrieb verschiedene Wirtschaftsbücher, etwa „Zehn radikale Strategien für die Wirtschaft der Zukunft.“ Vor seinem Einstieg in die New Economy war Kelly als Fotograf tätig. Er bereiste mit seiner Kamera in den 70er Jahren verschiedene Länder in Asien, zu denen er in den 80ern und 90ern immer wieder zurückkehrte. So entstand der kürzlich bei Taschen erschiene Fotoband „Asia Grace“.

Kevin Kelly, Sie bereisten viele unterschiedliche asiatische Länder, einige mit repressiven Regierungen. Gab es während dieser Reisen irgendwelche Schwierigkeiten, etwa durch Zensur?

Eigentlich nicht. Indien hat schon lange ein bizarres Verbot für das Fotografieren an Bahnhöfen – wo es einen Mikrokosmos des menschlichen Lebens gibt – aber ansonsten konnte ich fotografieren, was ich wollte. Sie müssen verstehen, dass ich ein armer Hippie mit einem Rucksack war und nie nach einer Erlaubnis zum Fotografieren gefragt hatte. Daher war es schwierig, mich davon abzuhalten. Die einzige Ausnahme war Afghanistan, um 1978, direkt nach dem Coup der Russen. Ich reiste damals mit meinem Bruder. Wir betraten Afghanistan vom pakistanischen Quetta aus und kamen in Kandahar an, wo – was wir nicht wussten – es eine militärische Ausgangssperre gab. Wir verbrachten die Nacht unter Hausarrest und wurden am nächsten Morgen nach Kabul zurück eskortiert. Aber sie haben mich nicht daran gehindert, Bilder zu machen.

Wie haben Sie die Fotografien für den Band ausgewählt? War Schönheit das wichtigste Kriterium oder versuchten Sie etwas „repräsentatives“ zu vermitteln?

Ich habe nicht wirklich versucht, repräsentativ zu sein. In vielerlei Hinsicht repräsentieren die Bilder diese Regionen nicht im geringsten. Ich habe alle modernen Aspekte Asiens ignoriert. Ich wählte diejenigen Bilder, diejenigen Ansichten, die für mich die Herrlichkeit, die Feierlichkeit, die Beschaffenheit des Lebens in Asien einfangen. Sie fangen einen Geist Asiens ein, aber nur einen und nicht alle. Es ist, als würde man ein Porträt von einem außergewöhnlichen Menschen machen. Wenn es klappt, dann fängt dieses Porträt seinen Geist ein, obwohl jeder, der die Person kennt, wüsste, dass das Bild nicht repräsentativ für die ganze Person ist.

Viele Menschen sehen sehr stolz und sehr freundlich aus, was ja auch im Titel „Asia Grace“ zum Ausdruck kommt.

Ich lächelte immer und bekam das gleiche zurück. Ich suchte das beste an Asien, das zivilisierteste, das würdevollste, das am weitesten entwickelste und kultivierteste, und das habe ich mit nach Hause genommen. Asien mangelt es nicht an fiesen, häßlichen, feindseligen und demoralisierten Leuten. Die hatten aber keinen Wert für mich. Es gibt genug andere Reporter und Fotografen, die sich auf die groben und kaputten Teile Asiens (und der Welt) konzentrieren.

Schönheit und Eleganz sieht man in fast allen Bildern. Haben Sie wirklich, wie selbst sagen, wie ein „Kind mit einer Kamera“ fotografiert, also ohne vorher Motive festzulegen?

Ja. Trotz aller Mängel ist Asien der optimistischste Teil der Erde. Es gibt eine riesige Welle an Optimismus, in die ich eingesogen wurde. Ich wollte die eleganten und überschwenglichen Qualitäten des asiatischen Lebens festhalten. Wenn ein Asiate im Sterben liegt, hat er oder sie ein bestimmtes Bild im Kopf – von Geburten, Festen, Szenen am Brunnen oder einer Hochzeitsprozession. Eine gesamte Montage an Bildern und Augenblicken des vergangenen Lebens. Ich wollte diese Visionen einfangen. Das ist es, was ASIA GRACE ist: die letzten Momente eines Asiens, wenn das Leben in Asien vor den Augen der Menschen vorbeizieht. Es ist nicht das ganze Leben, aber es sind die Teile, an die sie sich erinnern.

Könnten westliche Ländern etwas von Asien lernen?

Wir würden davon profitieren, den nie endenden Optimismus zu importieren und auch ihre Verwendung von Farben und ihr Sinn für die Familie.

Gerade die Farben geben dem Band eine besondere Wärme. Sind die Farben, ihre Intensität, der Grund, weshalb Sie dreißig Jahre warten mussten, um das Buch so hinzukriegen, wie Sie es haben wollten?

Ja. Das Buch auf die herkömmliche Art zu machen, mit all den Fachleuten, wäre unerschwinglich gewesen. Niemand hätte ein derartiges Mammut-Unternehmen gesponsort. (Es sind fast 600 Farbbilder, und im ganzen Buch gibt es keine weiße Fläche). Mit Photoshop und Tintenstrahler war die Arbeit für jeden Verleger im Bereich des möglichen. TASCHEN hat das sofort erkannt.

Gibt es für Sie einen Lieblingsort in Asien?

Ich würde sofort nach Nepal, Burma, Afghanistan, Kashmir, China und Bali zurückkehren. Sie haben einige Dinge gemeinsam. Leider sind sie alle sehr arm innerhalb der modernen Entwicklung. Andererseits haben sie eine sehr reiche traditionelle Kultur. Sie haben ihre eigene, komplexe und fortgeschrittene Art, Dinge zu tun. Sie tragen stolz ihre eigene Art Kleidung, haben ihre eigenen Stil in der Architektur und so weiter…

Gerade im Moment gibt es im Westen eine breite Diskussion über das Bild oder die Ideen des Islam. Viele Politiker bemühen sich zwar, die Religion als friedlich zu erklären, dennoch gibt es in der Gesellschaft viel Hass und viele Vorurteile. Kann ein Buch wie Asia Grace dabei helfen, den Menschen ein anderes Islam-Bild zu vermitteln?

Ich hoffe es. Ich bin in den islamischen Ländern immer mit Respekt behandelt worden (allerdings bin ich ein Mann). Ein Teil meines Zieles mit Asia Grace ist es, den Menschen „Andersartigkeit“ zu zeigen. Andere Menschen haben reiche Kulturen, fabelhafte Errungenschaften und ein prächtiges Leben. Sie sind es wert, dass man sie kennenlernt. Sie haben etwas, das sie uns beibringen können. Sie teilen den Planeten mit uns. Sie sind mehr als wir.

Länder wie den Iran bezeichnete Bush als „Achse des Bösen“. Hat er Ihrer Meinung korrekt bei der Bekämpfung des Terrorismus gehandelt?

Hören Sie auf! Ich lebte im Iran während der Chomeini Revolution. Ich habe Persisch studiert. Ich liebte den Iran. Bush ist ein beschränkter Junge, der nicht viel über andere weiß. Er schürt ein Feuer der Gewalt, aber ich hoffe Amerika wird das durchschauen und wieder so tolerant gegenüber anderen werden, wie wir es waren. Unser Land wurde auf Andersartigkeit errichtet; wir sind alle Immigranten.

Hat der Terroranschlag Ihr Bild von einem dieser Länder verändert?

Nein. Ich bereue es lediglich, dass ich nicht in den Jemen gegangen bin, als ich 1979 die Gelegenheit dazu hatte.