Dich schlafen sehen

Bereits als Kind leidet Charlène an ihrer Umwelt – und vor allem an sich selbst. Sie hält sich für häßlich und im Vergleich zu den Mädchen in der Schule für weniger entwickelt. Charlène hat keine Freunde. Sie fühlt sich isoliert, begibt sich dann selbst in die Isolation, um sich zu schützen, und sie beginnt alle Menschen um sich abgrundtief zu hassen. Bis eines Tages Sarah auftaucht.

Sarah – sie ist das genaue Gegenteil von Charlène. Sie ist lebensfroh, hübsch, eloquent, bei Mädchen und Jungs beliebt, und sie genießt es, von allen bewundert zu werden. Charlène ist von Sarah fasziniert. Sie verfolgt Sarah. Sie lässt sie nicht mehr aus den Augen.

Alles würde sie tun, um die Aufmerksamkeit dieser Sarah zu erregen, um von der Bewunderten selbst bewundert zu werden oder wenigstens bemitleidet. Charlène hat eine Idee. Beim schulsportlichen Jogging hört sie einfach auf zu Atmen bis sie, ohnehin mit Asthma geplagt, in Ohnmacht fällt. Erst im Krankenhaus wacht sie wieder auf.

Am Krankenbett sitzt ihr tatsächlich Sarah gegenüber, die als einzige den versuchten Selbstmord als solchen erkannt hat. Sarah nimmt sich Charléne an. Es entsteht eine Freundschaft, die in Wirklichkeit in eine gegenseitige, unerträgliche Abhängigkeit führen wird.

Nach den weitgehend harmonischen Sommerferien weiß vor allem Sarah diese Abhängigkeit zu nutzen. Sie beleidigt und erniedrigt Charlène vor der Schulklasse, vor Freunden und sogar vor Charlènes Eltern. Charlène erkennt, dass sie ausgenutzt wird, kann sich aber nicht mehr losreißen. Lieber eine Sklavin als wieder in Einsamkeit und Bedeutungslosigkeit zu versinken.

Aber auch Sarah ist abhängig von Charlène. Das wird deutlich, als Charlène sich eines Tages auf eine Beziehung mit einem Jungen aus ihrer Klasse einlässt. Sarah, die Charlène zuvor wochenlang bewusst ignoriert hatte, umschmeichelt diese wieder, lädt sie wieder ein und will wieder „Freundschaft“ schließen. Charlène trennt sich von ihrem Freund. Sie weiß, dass sie ihre Freiheit für immer an Sarah verloren hat. Sie sieht nur einen Weg, wieder würdevoll leben zu können. Sie muss Sarah umbringen.

Als Anne-Sophie Brasme vor zwei Jahren damit begann, diesen Roman zu schreiben, war sie gerade mal 16 Jahre alt. Sie setzte sich einfach an ihren Schreibtisch und füllte die Seiten. Es entstand ein Teenagerroman, der eigentlich doch keiner ist. Das Positive an „Dich schlafen sehen“ ist Brasmes Verzicht auf jegliche Versuche, einen originellen Erzählstil zu kreieren. Sie beschränkt sich darauf, ihre Geschichte zu erzählen und ihre intime Gedankenwelt darin einzuflechten.

Es ist kein Buch, das von einer Jugendkultur handelt, wie etwa bei der vielzitierten Popliteratur. Raves, Internet, Markenfetischismus, Drogen und Sex sucht man in diesem Roman vergeblich. Brasme zeichnet nicht das von Medien und der Werbeindustrie gepflegte Bild eines stets trendbewussten MTV-Teenies, sondern konzentriert sich ganz auf das Innenleben einer individuellen jungen Heranwachsenden.

Der Roman ist dennoch mehr als eine Metapher für die Unsicherheiten des Erwachsenwerdens. Dank Brasmes psychologischem Einfühlsvermögen zeigt „Dich schlafen sehen“ eindrucksvoll, wie die bloße Sehnsucht nach Freundschaft und Liebe einen Menschen in den Abgrund treiben kann – nicht nur eine Jugendliche.

„Dich schlafen sehen“, Anne-Sophie Brasme, Goldmann (2002), 192 S.

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