Amor und Psyche

William Morris wollte ein Buchkunstwerk mit den Canterbury Tales schaffen: Einen Zyklus von 24 Geschichten – zwei für jeden Monat und insgesamt 500 Illustrationen.

Die Königstochter Psyche ist von solch überwältigender Schönheit, dass alle Menschen in ihr die irdisch gewordene Venus sehen. Die Göttin der Liebe selbst ärgert sich über die Huldigungen, die die Menschheit dieser bezaubernden Tochter entgegnet. Venus beauftragt ihren Sohn Amor, Psyche der Lächerlichkeit preiszugeben.

Er soll dafür sorgen, dass sie sich in den „niedrigsten“ Mann auf Erden verliebt. Amor aber verliebt sich selbst in Psyche und lässt sie in seinen Palast bringen. Die beiden werden ein Paar, nur darf Psyche ihren Liebhaber nie sehen.

Eines Tages kommen Psyches eifersüchtige Schwestern zu Besuch in den Palast. Sie versuchen Psyche davon zu überzeugen, dass ihr Gemahl ein scheusliches Monster ist. Sie solle ihn nachts, während er schläft, mit einer Lampe beleuchten. Psyche handelt nach dem Rat ihrer Schwestern, erkennt in ihrem Gemahl Amor und lässt vor Schreck einen heißen Tropfen Öl auf seine Schulter fallen. Amor erwacht und flieht in die Lüfte. Psyche rächt sich grausam an ihren Schwestern und macht sich auf die Suche nach ihrem Geliebten.

Sie gelangt zu Venus, die ihr drei unlösbare Aufgaben stellt. Alle drei kann Psyche mit der Hilfe von Ameisen, einem Fluss und Jupiter lösen. Der wieder genesene Amor befreit seine Geliebte schließlich von einer vierten Aufgabe, die ihren Tod bedeutet hätte. Jupiter verzeiht dem Liebespaar und ermutigt es zur Hochzeit. Die beiden bekommen eine Tochter, Voluptas.

William Morris, 1834 in Essex geboren, kämpfte bis zu seinem Tod für ein „irdisches Paradies“. Seine Idee umfasste eine Ästhetisierung der gesamten Lebenswelt. Mit seinen Entwürfen für Möbel, Wandteppiche, Tapeten, Glasfenster und anderen Gebrauchsgegenständen revolutionierte er den viktorianischen Geschmack.

Sein Lebenstraum war ein illustrierter Gedichtzyklus. Entsprechend nannte er das kühne Projekt nach seinem künstlerischen Motto „Earthly Paradise“. Er hoffte, der Buchkunst damit zu einem neuen Ansehen zu verhelfen. „Es sollte eine Ehrung an die Tradition des zeremoniellen Geschichten- und Märchenerzählens und zugleich eine Herausforderung von ‚Morris, Marshall unc Co.‘ für die zeitgenössische Buchproduktion werden: ein buchkünstlerisches Gesamtkunstwerk.“ (Gabriele Uerscheln in „Amor und Psyche im ‚Irdischen Paradies'“)

Während seines Theologie-Studiums in Oxford lernte Morris den zwei Jahre jüngeren Edward Burne-Jones kennen. Die beiden blieben ihr Leben lang befreundet. Sie entschieden, das Theologie-Studium zugunsten der Kunst aufzugeben. Morris arbeitete in dem Oxforder Büro des Architekten Philip Webb. Im August 1856 zog er mit Burne-Jones nach London. In der Hauptstadt lernten die beiden Dante Gabriel Rossetti kennen, den Gründer und die treibende Kraft der „RPR“, der präraffaelitischen Bruderschaft.

Die Bruderschaft propagiert ein neues und zugleich altes Kunstverständnis. Die unbekümmerte Naturnachahmung der „Präraffaeliten“ ist ihr Ideal. Gemeint sind die Maler aus der Zeit vor der Hochrenaissance, vor dem großen italienischen Meister Raffael. Dessen Kunst, predigten die Lehrer nach wie vor in den britischen Akademien, sei der Höhepunkt der Malerei gewesen. Wer Kunst produziere, müsse wie Raffael malen. Die Bruderschaft war trotz mancher konservativer Ansichten eine Gegenbewegung zu diesem Akademismus.

Rossetti überredete Morris, sich ganz der Malerei zu widmen und auch seine Arbeit als Architekt aufzugeben. Morris und Burne-Jones bezogen Rossettis altes Atelier und begannen mit ersten Auftragsarbeiten, etwa der Ausgestaltung des Baus für die Oxford Union Society, die der einflussreiche Kunstkritiker und Förderer der RPR John Ruskin vermittelte.

1860 beauftragte Morris seinen ehemaligen Kollegen, den Architekten Philip Webb, ein Haus für sich und seine Ehefrau zu bauen. Das berühmte Red House entstand – so genannt, weil es entgegen dem zeitgenössischen Trend mit roten Backsteinen gebaut wurde. Bei der Arbeit an dem Haus kam Morris die Idee, eine eigene Kunsthandwerksfirma zu gründen. 1861 nahm die „Morris, Marshall, Faulkner & Company“ ihre Arbeit auf und restaurierte in den folgenden Jahren alte Kirchen und andere Gebäude.

Etwa 1864 kam erstmals das Projekt „The Earthly Paradise“ zur Sprache. Morris, der auch Gedichte schrieb und bereits 1858 einige Versbände veröffentlicht hatte, wollte 24 Geschichten in Versen nach tradierten literarischen Vorlagen verfassen, zwei für jeden Monat eines Jahres. Holzstiche sollten die Gedichte illustrieren, Burne-Jones die Vorlagen zeichnen. Tatsächlich schrieb Morris in den Jahren 1866/67 über 15.000 Zeilen, die er seinem Freund regelmäßig vorlas.

Für die Illustrationen indes fehlte Burne-Jones noch eine Inspiration. Auf der Suche nach Ideen stieß er auf das 1499 in Venedig erschienene „Hypnerotomachia Poliphili“ von Francesco Colonna. In dem Werk erzählte der Autor Geschichten eines Pilgers. Sie waren mit Holzschnitten veranschaulicht.

Burne-Jones hatte sein stilistisches Vorbild gefunden. Im Sommer 1866 zeichnete er über 100 Illustrationen, 40 davon allein zu dem Thema „Amor und Psyche“. Der Mythos war für den Monat Mai vorgesehen. Doch die Umsetzung wurde zu einem Fiasko. Morris‘ Firma hatte finanzielle Probleme. Außerdem war Morris mit den Druckplatten unzufrieden und schnitzte deshalb 36 oder 37 von insgesamt 46 Holzstöcken selbst.

„Amor und Psyche“ ist die einzige Geschichte, die er vollendete. „In einer Zeit, in der billige Massenproduktion, neue technische Errungenschaften und ungebrochene Fortschrittsgläubigkeit Hand in Hand gingen mit maschineller Produktion ebenso wie mit der unreflektierten Übernahme der verschiedensten Stile, setzte Morris auf Handarbeit und ging daran, mittelalterliche Techniken und Werkstattformen (oder was er dafür hielt) neu zu beleben.“ (Michaela Kalusok in „Die Architektur des Buches. Buchkunst und Ornament bei William Morris“)

Die mittelalterliche Technik war aber zu aufwendig, um ein derart umfangreiches Werk fertig zu stellen. 1868 veröffentlichte Morris eine einfache Papierausgabe der Verse von „The Earthly Paradise“ mit nur einem Holzschnitt basierend auf einer Zeichnung von Burne-Jones. Die Idee zu einer komplett illustrierten Fassung von „Amor und Psyche“ verlor Morris nie aus den Augen.

1892 richtete er eine eigene Druckerei, die „Kemscott Press“, ein. Für sie entwarf er zwei neue Letterntypen, die seinen Ansprüchen gerecht wurden: „Golden“ und „Troy“. Es entstanden zwei frühe Abzüge von „Amor und Psyche“, von denen eine vermutlich Morris selbst erarbeitete. Einen zweiten Satz zog Emery Walker ab, vermutlich in acht Folgen, von denen sich eine mit 44 Stichen heute im Besitz des Clemens-Sels-Museum in Neuss befindet.

1896 starb Morris. Burne-Jones regte 1897 an, „Amor und Psyche“ gemeinsam mit der Troy-Type zu drucken. Als ein Jahr später auch Burne-Jones starb, wurde das Vorhaben aufgegeben. Erst 1962 entdeckte man im Keller der Londoner Society of Antiquaries die Originaldruckstöcke aus den 1860ern wieder. 1974 veröffentlichte die Cambridge Rampant Lions Press „The Story of Cupid and Psyche“ in einer Auflage von 400 Stück. Die Druckerei nutzte die Originaldruckstöcke und einen Neuguss der Troy-Type.

Die Holzstichfolge des Clemens-Sels-Museum ist bis 12. Januar 2003 im Kunstmuseum Bayreuth zu sehen. (Anschrift: Kunstmuseum Bayreuth im Alten Rathaus, Maximilianstraße 33, 95444 Bayreuth, Öffnungszeiten Dienstag – Sonntag 10 – 17, Mittwoch bis 20 Uhr.) Zu der Ausstellung gibt es einen Katalog mit Aufsätzen zur Entstehung der Folge. In dem Katalog sind zudem alle 44 ausgestellten Stiche abgebildet.

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