Urbane Welten

Es stinkt nach Autoabgasen. Die Häuser sind hässlich. Die Stadt ist eine Betonwüste. Alte Menschen wagen sich kaum noch in das Chaos auf den Straßen. Es ist längst nicht mehr möglich, einen Kinderwagen durch die Masse parkender Autos zu schieben. Athen ist keine schöne Stadt. Ausgerechnet hier sollen in zwei Jahren frischgeputzte Tempel, ein werbetafelfreies Zentrum und eine flotte U-Bahn die Touristen empfangen? Die olympischen Spiele kehren dann heim in die Stadt der Götter.

Die „Zeitschrift für KulturAustausch“, herausgegeben von dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), wirft in „Urbane Welten“ einen Blick auf Metropolen. Im Jahr 1900 ist eine Metropole eine Stadt mit etwas mehr als einer Million Einwohnern. Davon gibt es 1975 bereits 195 und nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden es 2015 etwa 564 sein.

Das rapide Städtewachstum veranlasst die UNO in den 1970ern, einen neuen Begriff einzuführen: „Megacity“. So bezeichnet die Organisation eine Stadt, die mehr als acht Millionen Einwohner hat. Im vergangenen Jahrzehnt revidiert die UNO diese Zahlen: Eine Stadt muss seither 10 Millionen Einwohner nachweisen, um als „Megacity“ geadelt zu werden. 19 Städte erfüllen diese Kriterien. Sind in den 70er Jahren in der Top Ten der Megastädte noch New York, London, Paris und Los Angeles, werden 2015 voraussichtlich Mumbai, Lagos und Dhaka die Liste anführen.

Bei der zunehmenden Bedeutung der Megacities wird es in der Tat Zeit, sich mit dem Leben darin zu befassen. Die Zeitschrift für KulturAustausch versucht sich nicht nur an Megacities wie Mexico City und Tokio, sondern auch an verhältnismäßg kleineren Varianten wie Berlin, Moskau oder Athen.

Der Journalist Dirk Eustergerling schildert das Leben in einer gespenstischen Bürokratie-Stadt, die vor lauter Europapolitik ihre komplette Geschichte wegbetoniert. Gemeint ist Brüssel, eine Art „Ufo-Landeplatz“ des Euro. Beamte sind dort gerne unter sich, und wenn sie am Wochenende in ihre Heimat fliehen, ist die Stadt tot. „Jeder fünfte Einwohner arbeitet bei der EU oder in ihrem Umfeld.“

Die Schönen und Reichen dieser Welt pilgern in Zukunft nach Dubai, wo Gastarbeiter nach mehrmaliger Trunkenheit des Landes verwiesen und Obdachlose schon seit langem nicht mehr geduldet werden. Dort lässt Kronprinz Al Maktoum gerade „80 Millionen Kubikmeter Stein und Sand ins Meer schütten, um die größte je von Menschenhand geschaffene Insel ins Meer zu pflanzen.“ In vier Jahren, wenn sie vollendet ist, soll man sie „wie die chinesische Mauer vom Mond aus sehen können.“

Ähnlich künstlich, wenn auch weniger luxuriös ist die Hauptstadt des größten Landes Lateinamerikas. Brasilia wurde von 1955 bis 1960 im öden Hochland als städtebauerisches Gesamtkunstwerk aus dem Boden gestampft. 50.000 Arbeiter errichteten eine auf die Bedürfnisse der erwarteten 500.000 Bürger perfekt zugeschnittene Stadt. In den Anfangsjahren war die Riesenbaustelle aber ein „Synonym für Dreck und Einsamkeit, hohe Scheidungs- und Selbstmordraten, in das die Beamten zwangsversetzt oder mit doppeltem Gehalt gelockt werden mussten.“ Heute ist Brasilia umgeben von 13 Satellitenstädten, die „in Sachen Armut, Gewalt und Drogenhandel den favelas anderer Ballungsräume gleichen.“

Die Artikel zu „Urbane Welten“ verfassten Journalisten, die in den Städten leben oder einheimische Intellektuelle, wie der mexikanische Philosoph Carlos Monsiváis. Insgesamt werden 14 Städte von ihrer charmanten, glitzernden Seite, aber auch mit ihrer Armut und Gewalt vorgestellt.

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