Die Allerdurchlauchtigste

Capriccio, Tizian, Giorgione, Canova – die Bonner Kunsthalle hat in seiner feierlichen Ausstellung über die Schönheit Venezias einige Höhepunkte zu bieten und liefert einen gelungenen Überblick über die abwechslungsreiche Geschichte dieser Stadt.

Gleich zu Beginn der Ausstellung wird der Besucher mit einem Löwen konfrontiert, dem Symbol des Schutzpatrons der Stadt, der Heilige Markus, der immer wieder in Gemälden und im Kunsthandwerk auftauchen wird. Ein schönes Beispiel für diese Verwendung folgt später in der Ausstellung: Eine Löwenfigur mit geöffnetem Mund, die als eine Art Beschwerde-Briefkasten diente.

Jacopo de Barbaris große Überblickskarte zeigt die damals blühende Handelsstadt aus einer beeindruckenden Vogelperspektive. Da es im Umland von Venedig keinen Hügel gab, von dem aus dieser Blick auf die Stadt möglich gewesen wäre, musste sich der Künstler wohl auf mehrere Anhöhen begeben haben, um diese detailfrohe Stadtansicht umzusetzen. Auf ihr lässt sich problemlos Piazza San Marco ausmachen, der auch heute noch das Zentrum bildet.

Im Mittelalter war Venedig die führende Handelsmacht im Mittelmeerraum. Einst gehörte die Stadt zum Herrschaftsgebiet des byzantinischen Kaisers. Doch die Schutzmacht wurde 1204 von den Venezianern erobert. Ein Viertel des Reiches fiel in den Besitz Venedigs, das zum wichtigsten europäischen Umschlagplatz für Gewürze, Holz, Metalle, Stoffe, aber auch für Sklaven geworden war. Die Verbindung zu Byzanz machte sich auch in der Kunst bemerkbar.

Ein schönes Beispiel dafür ein Gefäß in Form eines Kuppelhauses im byzantinischen Stil. Doch nicht nur das Kunsthandwerk war vom Orient beeinflusst. Einer der Höhepunkte der Ausstellung, der Marien-Zyklus von Vittore Carpaccio, zeigt Gebäude, die in byzantinischem Stil gebaut wurden.

Carpaccios sechsteiliger Zyklus ist mittlerweile in der ganzen Welt verstreut. Erstmals seit über hundert Jahren kann er in Bonn wieder komplett betrachtet werden. Carpaccio ist einer der Hauptvertreter der italienischen Frührenaissance, ein Meister des Lichtes und der narrativen Malerei. In seinen Zyklen, etwa die der heiligen Ursula oder des heiligen Hieronymus, sahen viel später die britischen Präraffaeliten um John Ruskin ihre Vorstellung einer idealen Kunst.

Der Höhepunkt der Bonner Ausstellung sind die beiden erst einmal unscheinbaren Bilder des Giorgione. Der geheimnisvolle Maler – wenig ist über sein Leben bekannt – schuf einige rätselhafte Werke. Sein „Selbstporträt“ und der „Knabe mit Pfeil“ verfolgen einen mit ihrem melancholischen Blick durch den ganzen Raum. Giorgione gelang es, die Umrisse einer Figur leicht zu verwischen, so dass sie regelrecht vor dem Hintergrund zu schweben scheint. Tizian, der berühmteste aller venezianischen Maler, malte in seinen jungen Jahren in einem nahezu identischen Stil wie Giorgione, weshalb heute noch einige Arbeiten schwer einem der beiden zuzuordnen sind. Die „Schlafende Venus“, die Giorgione aufgrund seines frühen Todes nicht beenden konnte, wurde einem Text von Marcantonio Michiel zufolge von Tizian später vervollständigt. Von Tizian selbst ist das Bild „Bravo“ in der Bonner Ausstellung zu sehen.

Im 18. Jahrhundert war Venedig trotz des mittlerweile verlorenen politischen Einflusses immer noch eine Bildungsreise wert, wenn auch das Kunstzentrum mittlerweile nach Rom gezogen war. Nahezu ohne Konkurrenz malte deshalb in dieser Zeit Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto, seine atmosphärischen venezianischen Landschaften. In Bonn ist er mit seinem „Rio dei Mendicanti“ vertreten. Dieses Bild ist gerade wegen Canalettos großer Freude an der Gestaltung von Details beachtenswert. Links sieht man etwa einen blinden Mann, der sich an der Wand entlang tastet. An vielen Stellen sind Wäscheleinen über den Fluss gespannt. Rechts erkennt man eine Wäscherin, die sich aus einem Fenster lehnt. Es ist keine schöne Wohngegend, was man an den heruntergekommenen Hausfassaden sieht. Dennoch geht eine Faszination von dem Gemälde aus, auf dem man immer wieder etwas neues entdeckt.

Einer der größten Bildhauer des Neoklassizismus war Antonio Canova, der die antike Plastik wieder aufleben ließ. Die „Muse Polyhymnia“ in der Ausstellung zeigt, wie gut Canova seine Arbeit beherrschte. Polyhymnia ist in ein weißes Tuch gekleidet. Mit einem fast durchsichtigen Stoff verdeckt sie ihre rechte Hand. Obwohl es sich um eine Skulpur handelt, hat man den Eindruck, als wäre sie tatsächlich von einem weichen, durchsichtigen Tuch eingehüllt.

Neben diesen Meisterwerken sind in Bonn auch andere Schätze zu sehen: Münzen, Handschriften, Bucheinbände, Stoffe, Seekarten oder Kostüme. Die begleitenden Ausstellungstexte geben einen guten Einblick in das kulturelle und auch politische Leben Venedigs. Eine einmalige Gelegenheit, die Geschichte der Stadt gemeinsam mit ihrer großen Kunst kennenzulernen.

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